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Fünfzehn Bemerkungen zu einer Tagung in der Bundesakademie für Kulturelle Bildung in Wolfenbüttel

22.07.2014

Breitenkultur – Teilhabe als Auftrag von Kulturpolitik

Von Prof. Dr. Wolfgang Schneider
(Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim)

Prof. SchneiderErstens
Kulturpolitik heißt auch immer wieder Klärung, was wir unter Kultur verstehen. Es braucht das gesellschaftliche Gespräch über das Kulturverständnis und erfordert Analyse sowie Reflektion vorhandener Kulturinteressen.

Zweitens
Die Vermessung von Kultur führt zur Identifizierung von Breitenkultur als integraler Bestandteil von Kulturlandschaften; denn gemeinsames kulturelles und künstlerisches Tun mit individueller Teilhabe und bürgerschaftlichem Engagement auf einer nichtkommerziellen, generationen-, sparten- und politikfeldübergreifenden Ebene, das kann Breitenkultur sein.

Drittens
Breitenkultur braucht Kulturpolitik, und deren Ziele und Konzepte bedürfen der Evaluation und Entwicklung, in deren Zentrum kulturelle Teilhabe und kulturelle Bildung stehen.

Viertens
Alle kulturpolitischen Akteure sind gefordert, die Kommunen, die Länder und der Bund. Vor allem die regionalen Landschaften (und insbesondere in Niedersachsen die Landschaftsverbände) haben eine große Verantwortung, Breitenkultur zu ermöglichen und zu befördern.

Fünftens
Die interkommunale Zusammenarbeit ist deshalb das A und O einer Kulturpolitik, die Breitenkultur in lokalen Bündnissen stärkt, in regionalen Netzwerken pflegt und als konzertierte Aktion versteht.

Sechstens
Regionale Kulturentwicklungsplanungen und Kulturkonzepte sind ein kulturpolitische Instrumente zur Sicherung kultureller Vielfalt zu sichern und Verankerung von Breitenkultur.

Siebtens
Breitenkultur ist ein kommunalpolitisches Aufgabengebiet. Neben der Zivilgesellschaft tragen auch die Kirchengemeinden zur kulturellen Daseinsvorsorge bei und sind deshalb wichtige Partner.

Achtens
Im Verein ist Breitenkultur am schönsten. Aber das Ehrenamt braucht bedarfsgerechte Fort- und Weiterbildung im Kulturmanagement. Bürgerschaftliches Engagement bedarf ferner der kulturpolitischen Wertschätzung.

Neuntens
Die Förderung des aktiven Gemeinwesens kann durch eine so genannte »Community Education« begleitet werden, um Breitenkultur als lebendiges Element einer kommunalen Weiterentwicklung wirksam werden zu lassen.

Zehntens
Breitenkultur im demografischen Wandel kann auch Seismograph von Transformationsprozessen sein. Sie sollte ihre Veränderungspotentiale entfalten können, gerade auch im Hinblick auf inter- und transkulturelle Entwicklungen.

Elftens
Die Reformen des Bücherei- und Museumswesens im ländlichen Raum sind notwendig. Eine Kulturpolitik des Landes sollte es den Kommunen ermöglichen, die Infrastrukturen zukunftsfähig zu machen und Einrichtungen der kulturellen Bildung zu stärken.

Zwölftens
Eine Reform der Darstellenden Künste ist überfällig. Die kommunalen Theater, die Staatstheater sowie die Landesbühnen sind für alle Menschen da, auch für die außerhalb der (großen) Städte. Freie Theater bedürfen der Projekt- und Gastspielförderung, um vor Ort künstlerisch und kulturpädagogisch wirken zu können. Amateurtheater sollten in die Lage versetzt werden, als dritte Säule der Theaterlandschaft wirken zu können.

Dreizehntens
Die Stärkung und der Ausbau von Soziokulturellen Einrichtungen, Theaterpädagogischen Zentren, Kunst- und Musikschulen ist im Hinblick auf eine Breitenkulturpolitik Voraussetzung für ein Netzwerk zur Qualifizierung und Professionalisierung der Aktivitäten und Strukturen im Flächenland Niedersachsen.

Vierzehntens
Kulturelle Bildung ist auch das Fundament von Breitenkultur, von Anfang an und lebenslang. Von der Kindertagesstätte bis zur Volkshochschule bedarf es der Umsetzung von Konzeptionen, die die individuelle kulturelle Entwicklung  als Lebenskunst begreift.

Fünfzehntens
Eine Kulturpolitik für Breitenkultur ist nicht eine weitere additive Maßnahme, sie bedarf einer konzeptionellen Umstrukturierung und möglicherweise auch einer förderpolitischen Umverteilung. Breitenkultur sollte sich als ein zentraler Bestandteil von Gesellschaftspolitik etablieren und als Investition in die Kulturarbeit des ländlichen Raums verstanden werden. Breitenkultur ist von daher Auftrag einer ganzheitlichen Politik, unter Einbeziehung von Kunst und Bildung, Landschaftsplanung und Landwirtschaft, Dorf- und Jugendkultur.

 

Über die Tagung »Breitenkultur«

Am 11. und 12. Juni trafen sich mehr als 80 Vertreter von Kultureinrichtungen, Wissenschaftler und Studierende aus Niedersachsen zur Tagung »Breitenkultur – Teilhabe als Aufgabe von Kulturpolitik«. Veranstalter waren das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur (MWK), die Universität Hildesheim und als Gastgeber die Bundesakademie für Kulturelle Bildung Wolfenbüttel. Weitere Informationen und Auszüge als Podcast gibt es hier.

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