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Seine eigenen Spuren finden: Symposium “Ästhetische Feldforschung an Museen”

02.07.2013

Übersee-Museum Bremen. Wir, ein dreiköpfiges Grüppchen, begeben uns auf die Suche nach einem Ort für unser Wort. Denn unsere Aufgabe lautet „ein Wort für den Ort“ zu finden. Wir befinden uns im Workshop „Guerillamethoden im Museum“ im Rahmen des Symposiums „Ästhetische Feldforschung an Museen“. Es geht um Museumsgraffiti. Ein Wort, das wir alle vertreten können. Erste Assoziationen zum Museum, seiner Atmosphäre, zu den Ausstellungsobjekten und dem Ausstellungsabschnitt fliegen durch die Runde. Wir suchen ein Wort und irgendwann fällt etwas, worauf wir uns einigen können. So entstehen wieder neue Assoziationen, wie sich das Wort mit der sich uns langsam erschließenden Umgebung verknüpft. Mit gehäkelten Kordeln und Wolle legen wir also ein Wort, um den Ort zu beschreiben. Nächster Verhandlungspunkt: typografische Gestaltung.

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Handlungsaufforderung im Museum und Atmosphäre zugleich…Ruhe (bitte).

Ästhetische Feldforschung als museumspädagogische Methode versteht den Museumsbesucher als aktiven Nutzer der Ausstellungen. Das Übersee-Museum in Bremen ist ein starkes Beispiel dafür, wie Museen neue Formate der Vermittlung erproben. Seit acht Jahren beschäftigt sich das Übersee-Museum durch sein Projekt FIES (“Forschen in eigener Sache”) nun mit Ästhetischer Feldforschung. Nach dem Symposium im Februar 2011 bildete das nunmehr zweite Symposium am 7. Juni einen Schlusspunkt in der Projektgeschichte und der Reflexion der angewandten Vermittlungsmethode.

So haben beispielsweise Schüler der Klasse 9b der Oberschule Findorff in Bremen eine “Tierische Spurensuche” entwickelt. Dabei handelt es sich um eine Rallye, die die Schüler erarbeitet haben. Im Klassenverband mussten sie entscheiden, wo ihre Interessensschwerpunkte liegen, um dann in Einzelgruppen zu Unterkapiteln zu forschen – an den Ausstellungsobjekten als auch mit Hilfe der Museumsmitarbeiter. Das Museum fungiert somit als Themengeber und Wissensspeicher zugleich. So entstand ein Heft mit Rätseln rund um die anhand der eigenen Fragestellung ausgewählten Objekte. 30 Stunden arbeiten die Teilnehmenden in so einem Projekthalbjahr in den Räumen des Übersee-Museums. Am Ende des Prozesses steht immer eine Präsentation. Alle im Übersee-Museum durchgeführten Projekte werden durch eine Jury geehrt, wodurch die Arbeit der Jugendlichen vor allem in ihren Augen noch mal aufgewertet wird.

Was genau Ästhetische Feldforschung meint, erklärte Prof. Dr. Andreas Brenne von der Universität Osnabrück:
In erster Linie ist Künstlerische Feldforschung eine Strategie, die individuelle Anschlüsse an die Umwelt ermöglicht. Seit Ende der 70er Jahre wird die Methode von Lili Fischer geprägt, zu deren Meisterschüler Andreas Brenne ernannt worden ist. Lili Fischer sucht die Konfrontation zwischen Kunst und Leben. Nach ihrem Ansatz teilt sich Künstlerische Feldforschung in drei Elemente: Feldbegegnung, Aufarbeitung und Präsentation.

  1. Die Feldbegegnung besteht in  der Initiation von ästhetischen Erfahrungen im Forschungsfeld. Als Feld wird dabei ein Themenkreis mit Bezug zur Lebenswelt bezeichnet. In der Begegnung mit dem Feld sollen verschiedene Dimensionen ästhetischen Verhaltens thematisiert werden, um sich mit ihm auseinanderzusetzen. Alle Sinne werden angesprochen. Die Feldbegegnung ist auch dazu da, dem Feld Material zu entnehmen, zu sammeln und gleichzeitig Formen der Dokumentation für die Begegnung zu praktizieren.

  2. In der Phase der Aufarbeitung wird das Material gesichtet und weiter vervollständigt. Indem eine Struktur in die vorgefundenen Materialien gebracht wird, entsteht eine Sammlung. Auf der Basis des erhobenen Materials sollen Produkte entstehen, die den Erfahrungsprozess im Feld widerspiegeln. Zusatzinformationen werden herangezogen, um bisherige Erfahrungen und vorhandenes Wissen in das Material der Feldbegegnung zu integrieren. So konstruiert der Forschende eine erweiterte Vorstellung von Wirklichkeit. Das Ziel der künstlerischen Feldforschung ist es also durch die eigenen Artefakte, weitere Informationen und mit Hilfe der Kunst, der ästhetischen Komponente, eigene Modelle der Wirklichkeit zu entwickeln.

  3. Die Präsentation ist unerlässlich und soll eine Übersicht über den Verlauf der Arbeit schaffen. Sie ermöglicht eine weitere Erfahrungsbildung durch den Austausch mit den Zuschauern. Dabei können und sollen sich weitere Perspektiven für die Fortführung der Forschung und der Weiterentwicklung der ästhetischen Strategien und Inhalte entwickeln.

In diesem Sinne sind die Präsentationen immer Zwischenstände, sind die Ergebnisse immer als Stand eines Prozesses zu sehen, weswegen die einzelnen Elemente wohl auch tatsächlich als Elemente und nicht als Prozessphasen zu verstehen sind.
Der “Werk”, das aus der Forschung resultiert, ist aber von höchster Wichtigkeit. Das zeigt beispielsweise ihre Präsentation zur Schnakenforschung „Testflug der Schnaken“.

In den theoretischen Grundlagen rekurriert Ästhetische Feldforschung laut Andreas Brenne auf den Feldforschungsbegriff von Bornislaw Malinowski, der diese als „konstruktiven Entwurf“ definiert. Demnach bedeutet Forschung nicht nur Aufnahme von Daten sondern deren In-Bezug-Setzung und damit Konstruktion. Beim Forschen werden Ordnungszusammenhänge zwischen den Erscheinungen der Welt entdeckt, aber auch konstruiert. Im Mittelpunkt von Forschung steht somit die Entwicklung von Modellen und nicht von Wahrheiten. Damit macht sich die Trennung von Geistes- und Naturwissenschaften, von Forschung und Kunst obsolet. Unsere (Lebens-) Welt entsteht erst durch Forschung und Kunst.
Das Museum wiederum wurde nach Foucault als Heterotopie definiert. Es arrangiert Artefakte, stellt Zusammenhänge her und vermittelt diese. Es schafft eine Übersicht, die allerdings auch nur in ihrer Auswahl an Übersichtlichkeit gewinnt. Damit inszeniert das Museum Kultur(en). Als heterotoper Raum ist das Museum mit Prozessen, Ritualen und Kenntnissen verbunden. Das Museum vermittelt dadurch auch Erfahrungen von Ein- bzw. Ausgeschlossensein. Im Zusammenhang mit Forderungen nach Bildungsgerechtigkeit, Inklusion und Partizipation, fragt sich, wie eine Vermittlung gelingen kann, die die Potentiale des Museums erschließt und Zugang zu diesem Ort schafft.

Bei der Ästhetischen Feldforschung strebt eine Öffnung der Heterotopie Museum an. Mit der Methode können  Zugänge zur kontrollierten und ritualisierten Institution  geschaffen werden. Um dies zu erreichen, müssen die Forschungsgegenstände für die Personengruppen relevant werden. Ihre Ergebnisse müssen – zum Beispiel in Form von öffentlichen Präsentationen – zu Gehör kommen.

Mit der Vermittlung soll die Ordnung, die ein Museum immer auch vorgibt, aufgebrochen werden. Die Institution Museum ist so gezwungen ein Stück seiner Deutungshoheit aufzugeben. Inwieweit das gewollt ist, war immer wieder Gegenstand der Symposiumsdiskussionen.
Der Verzicht auf die Deutungshoheit ist insofern sinnvoll, als dass der Ausdeutung der Objekte, die vom Museum vorgenommen wird, immer auch ein Sinnüberschuss innewohnt. Bestimmte Kontexte werden durch die Ordnung der Ausstellung, der Inszenierung der Objekte, nicht abgefragt. Die Methode der Ästhetischen Feldforschung ermöglicht ein kreatives Arbeiten mit diesem Sinnüberschuss und kann so einen Sinn, der im Ausstellungskontext nicht deutlich wird, veranschaulichen. Die Deutungshoheit wird unterlaufen, widerspricht in diesem Fall aber nicht einem korrekten Wissenstransfer – eine Gefahr, die viele bei Verlust der Deutungshoheit fürchteten.

Das 2011 zum ersten Mal stattfindende Symposium zur Ästhetischen Feldforschung an Museen, erstreckte sich damals über zwei Tage, so dass den Teilnehmenden ein ganzer Tag zur Arbeit in den Workshops blieb. Dort setzten sich die Teilnehmer_innen körperlich/ tänzerisch, mit Hilfe des Poetry slams, über die Kartierung des Museums und durch performative Interventionen mit selbst gewählten Fragestellungen und / oder Objekten auseinander.

Auch das zweite Symposium bot Workshops, anhand derer verschiedene Methoden der Ästhetischen Feldforschung deutlich wurden:

Mit dem MusikAktionsEnsemble KLANK konnten die Teilnehmenden die Ausstellung einmal auditiv erleben und so einen Perspektivwechsel vollziehen. Anhand verschiedener hands-on-Objekte wie zum Beispiel einer Keramikschüssel, die sonst wohlgehütet hinter den Museumsvitrinen verbleibt, konnte die sonst verborgen bleibende Materialität der Ausstellungsstücke über den Klang, der eine Grundeigenschaft der Objekte ist, begreifen. Die Keramikschüssel wurde zum Instrument, indem man Reis in sie hinein rieseln lassen hat.  So kann erprobt werden, was ihr instrumentaler Gebrauch über die Gegenstände erzählt. Dasselbe geschah auch mit dem Museum an sich. Einen Luftballon über Vitrinen, den Boden und Wände schleifen, wurde mit Hilfe eines einfachen Gegenstands die Ausstellung erkundet. Durch seine Membran erzeugt der Luftballon einen Klang, der die Ausstellung “wiedergibt”. Eben diese Luftballons wurden am Ende des Workshops verwendet, um die Geräuschkulisse wilder Vogelscharen über der Hansestadt für alle Symposiumsteilnehmer_innen hörbar zu machen.

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Auch Antonia Isabelle Weisz, die den Workshop “Selbstreferentielle Kartierung” leitete, lobte den Einsatz von einfachen Gegenständen. Ihren Workshopteilnehmenden steht zu Beginn ein “Material-Buffet” zur Verfügung – oft sind jedoch auch nur zwei Stifte zur Auswahl. Diese Erleichterung, Entscheidungen zu treffen, wird oft als entspannend empfunden.
Um mit der Methode der selbstreferentiellen Kartierung zu starten, ist zunächst auch nur ein Stift und ein Blatt Papier nötig. Die Museumsbesucher nehmen ihre Gefühle, ein persönliches Objekt oder eine Situation als Ausgangspunkt und bringen ihre Gedanken zunächst zu Papier. Dabei ist es wichtig, sich selbst gegenüber wertfrei zu bleiben und die Dinge so, wie sie kommen, stehen zu lassen. So entsteht eine eigene Sammlung an persönlichen Bezügen, die erst nach der Niederschrift auf die Objekte der Ausstellung bezogen wird. Vom ersten Anknüpfungspunkt zwischen der eigenen Situation / Fragestellung und der Ausstellung ausgehend, entwickelt sich eine Geschichte bzw. ein Weg durch die Ausstellung. Durch die sich so bildende eigene “Mindmap im Raum” wird der/ die Besucher_in dazu gebracht, die Ausstellung zu verstehen. Man kommt von selbst zu sinnvollen Verknüpfungen. Gleichzeitig ist die Methode als institutionskritisch einzuordnen, da der/ die Besucher_in im Laufe des Prozesses seine eigene Ausstellung entwickelt. Dabei steht der persönliche Zugang zur Ausstellung im Vordergrund. Die Wissensvermittlung kommt erst im nächsten Schritt. Währenddessen sind die Teilnehmenden ständig aufgefordert sich über “ihre Ausstellungen” und Gedankengänge auszutauschen. So kann die selbstreferentielle Kartierung eine Möglichkeit sein, um als erster Schritt der Ästhetischen Feldforschung innerhalb der Gruppe Gemeinsamkeiten für eine weitere gemeinsame Forschung festzustellen.

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Das Material-Buffet und erste Ergebnisse der “selbstreferentiellen Kartierung”

Eine andere Art des Zugangs zu Objekten stellte Dorothee Wunder im Workshop “Forschungszeichnende” vor. Darin probierten die Teilnehmenden verschiedene Techniken des Zeichnens aus, die unabhängig von der “künstlerischen Begabung” verwendbar sind. Solche sind zum Beispiel das Zeichnen eines Objekts ohne den Blick von diesem zu lassen – ohne aufs Blatt zu schauen also – oder das Zeichnen des Umrisses. Auf einem weißen Blatt wird dann die Umgebung des Objekts geschwärzt, während das eigentliche Objekt weiß stehen bleibt. So ergeben sich diverse Perspektiven auf das einzelne Objekt, die die Workshopteilnehmenden am 7.6. in Form eines Memory wieder zusammengeführt und zum Vergleich gebracht haben.

Zurück zum Anfang: Der Workshop “Guerrillamethoden im Museum” wurde von Karin Rottmann entwickelt. Sie kam auf die bereits beschriebene Idee des Museumsgraffitis, mit dem die Ausstellung mit aus Garn gelegten Worten gestaltet, kommentiert und reflektiert werden kann. Eine andere Methode ist die, gehäkelte Objekte (die im besten Fall zum Ausstellungskontext passen aber auch einen gewissen Störfaktor darstellen) in die Ausstellung zu bringen.

Die in den Workshops beleuchteten Methoden bieten unterschiedliche Zugänge zur Ästhetischen Feldforschung. In der Regel geben sie Anstoß zur weiteren Feldforschung und vertieften Beschäftigung mit den Gegenständen. Die Lust dazu soll durch den persönlichen Zugang, der bei allen Methoden im Mittelpunkt steht, angeregt werden. Weitere Vorteile der Methoden liegen in der häufig geringen Sprachbarriere, Niedrigschwelligkeit, symmetrische Kommunikation, der gebotenen Teamarbeit, dem Integrationspotential, u.v.a. So fiel es während des Symposiums auf, dass bei den Vorzügen der Methodik immer wieder auch die Formulierung so genannter Antragsprosa geübt wurde. Nicht zuletzt kommt die Ästhetische Feldforschung auch der Akzeptanz des Museums und der Kompetenzförderung der Teilnehmenden zu Gute. Doch auch das Stichwort “Spaß” fiel im Laufe des Symposiums immer wieder. Und Spaß hat die Arbeit mit der Ästhetischen Feldforschung definitiv gemacht.

Weitere Informationen zum Projekt “Forschen in eigener Sache” finden Sie hier.

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