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Bernhard Schlink las vor

13.10.2014

Das Mühlenfoyer war rappelvoll, als Bernhard Schlink am Montagabend vor rund 200 Gästen aus seinem neuesten Buch las. Als »Die Frau auf der Treppe« Mitte September herauskam, kletterte der Roman sofort auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste.

Worum geht´s? Das berühmte Bild einer wunderschönen Frau mit blasser Haut, lange verschollen, taucht plötzlich wieder auf. Überraschend für die Kunstwelt, aber auch für die drei Männer: den Ich-Erzähler, den Maler und den Ehemann, die diese Frau einst liebten - und sich nun von ihr betrogen fühlen. In einer Bucht an der australischen Küste kommt es zu einem Wiedersehen: Die Männer wollen wiederhaben, was ihnen vermeintlich zusteht. Nur einer ergreift die Chance, der Frau neu zu begegnen, auch wenn ihnen nicht mehr viel Zeit bleibt.

Lesung mit Schlink IMucksmäuschenstill war es, als Bernhard Schlink aus »Die Frau auf der Treppe« las.

Im Gespräch mit Olaf Kutzmutz, Programmleiter für Literatur, zeigte sich Schlink seinem Publikum unaufgeregt und mit trockenem Humor. Erst spät kam für den 70-Jährigen der Durchbruch. Nachdem er zuvor einige Krimis geschrieben hatte, die von den Kritikern weitgehend unbeachtet blieben, landete er 1995 mit »Der Vorleser« einen Welthit. Das galt auch für die Verfilmung mit Kate Winslet und David Kross in den Hauptrollen, an der Schlink als Drehbuchautor mitwirkte. Der Erfolg, der für junge Autoren zum Fluch werden kann, änderte für sein weiteres Schreiben nicht viel. Nachdem Bernhard Schlink bereits ein, wie er sagte, ganzes Leben als Professor und Richter gearbeitet hatte, empfand er diesen Erfolg als unglaubliche Zugabe und Geschenk. »Dass ich so etwas wie den Vorleser nur einmal haben kann, ist auch okay«, sagt er und man glaubt es ihm.
 
Lesung mit Schlink II

Mit Olaf Kutzmutz sprach Schlink über seine Schreibanfänge, seine Kritiker und den Umgang mit Erfolg.

Über sein aktuelles Buch sind die Kritiker unterschiedlicher Meinung. Auf die Frage von Olaf Kutzmutz, wie er sich vor Kritiken schützt, erklärte Schlink, dass er da ganz auf die Pressechefin des Diogenes-Verlages vertraue. Sie suche für ihn die Kritiken heraus, von denen sie meint, er müsse sie kennen - positive und negative. Denn oft, stellte Schlink fest, läsen die Redakteure Bücher heute nur noch sehr oberflächlich. Aus Zeitmangel und aufgrund der vielen Kürzungen in den Redaktionen. »Man muss mit ihnen Erbarmen haben,« sagte er. Viel wichtiger hingegen, verriet Schlink, sei ihm die ehrliche Meinung seiner »persönlichen Lektoren«. Fünf Menschen aus seinem engen Verwandten- und Bekanntenkreis gäbe er seine Manuskripte zu lesen, bevor er sie dem Verlag schickt, darunter auch seinem Sohn. Dieser sei allerdings milde in seinem Urteil.

Schreibrituale und Themenfindung
Als Werkstattdozent war Olaf Kutzmutz natürlich auch an dem Drumherum des Schreibprozesses interessiert und fragte Schlink nach seinen Ritualen und bevorzugten Schreiborten. Die gäbe es nicht, sagte Schlink. Er könne an jedem Ort schreiben, ob auf einer Parkbank oder im Zug. Und doch: Auf seinem Schreibtisch, den er noch von seinem Großvater hat, erzählte Schlink, ist in der Mitte Platz für besondere Postkarten oder Andenken. Dort stand seit vielen Jahren immer mal wieder Gerhard Richters » Ema (Akt auf einer Treppe)«, der ihn später zu dem Gemälde in seinem aktuellen Buch inspirierte. »Ein überwältigend schönes Bild, das Leichtigkeit und Gewichtigkeit ausstrahle,« schwärmte Schlink. Auslöser für den Roman war das Bild wiederum nicht. Wie genau er seine Themen finde, könne er gar nicht beantworten, das passiere einfach. Er spiele mit Geschichten und Bruchstücken von Geschichten. Manche Themen würde er irgendwann wieder aufgegeben, während andere wie von selbst ihren Weg in die Bücher fänden.

Bernhard Schlink war dieses Jahr erstmalig als Dozent für zwei Tage an der Bundesakademie. Er leitete das Seminar »Grenzfragen. Über unseren moralischen Umgang mit Vergangenheit und Gegenwart«. Wir hoffen, dass er auch künftig, wie viele unserer Dozentinnen und Dozenten, den Weg nach Wolfenbüttel wiederfindet.

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