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Grenzgänge(r) in Schünemanns Mühle

02.12.2014

»Nein, wenn South Lake City dort liegt, dann sollte Köln wenigstens fünf Fuß davon entfernt liegen« – »Also ist Oldenburg von Berlin, soweit entfernt wie Polen von Japan?« Bei den Fragen nach der Maßstabsgerechtigkeit waren sich die Teilnehmenden des KulturCamps Anfang November nicht immer einig. Mit langen Wollfäden zogen sie auf dem Fußboden die verschiedenen geografischen Stationen ihres Lebens nach, rückwärts ausgehend von ihrer Ankunft in Wolfenbüttel. Diese kleine Weltreise war Teil des »Interkulturellen Einreisetraining zum Grenzübertritt« mit Dr. Wiebke von Bernstorff von der Universität Hildesheim.

Kulturcamp I

Dabei entstand nicht nur ein farbenfrohes Kunstwerk, sondern auch ein neues Bewusstsein und Erstaunen darüber, wie viele Orte ein jeder in seinem Leben schon besucht hat und wie viele Grenzen dabei überschritten wurden. Ob Ländergrenzen, die Wassermengen eines Weltmeeres oder die alte Stadtmauer des nächstgelegenen Ortes. Dem vorausgegangen war ein schriftlicher Multiple-Choice-Test mit Fragen aus dem echten Einbürgerungstest, der von rauchenden Köpfen, dem Geräusch von nachdenklich gekratzten Köpfen und Fragen begleitet wurde, wie dieser:

»Im Jahr 1953 gab es in der DDR einen Aufstand, an den lange Zeit in der Bundesrepublik Deutschland ein Feiertag erinnerte. Wann war das?«

- 1. Mai
- 17. Juni
- 20. Juli
- 9. November

(Hätten Sie’s gewusst? Am 17. Juni 1953 gab es in der DDR einen Volksaufstand und landesweite Streiks.)

Kulturcamp II

Am ersten Abend des KulturCamps hielt Dr. Wolfgang Kraushaar vom Hamburger Institut für Sozialforschung einen Vortrag über Nationalismus, Weltbürgerbewegung und Freie Republiken. Weltbürger? Und gleich eine ganze Bewegung davon? Die Weltbürgerbewegung wurde am 25. Mai 1948 von dem Amerikaner Garry Davis gegründet, der an diesem Tag in Paris seinen amerikanischen Pass abgab und sich von nun an als Weltbürger verstand. Die Idee gewann schnell an Popularität und berühmte Verfechter, wie Albert Camus und Richard Wright, für sich. Die Begeisterung für das Leben als Weltbürger ebbte nach einiger Zeit jedoch ab. Heute hört man den Begriff »Weltbürger« nur noch selten. Im KulturCamp und nach dem Vortrag diskutierten die Teilnehmenden lebhaft über die Ideen Garry Davis’. Warum gab dieser Mann seine Staatsbürgerschaft auf und riskierte, weder aus Frankreich aus-, noch in ein anderes Land einreisen zu können?
Garry Davis ernannte sich wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges zum Weltbürger, denn seiner Meinung nach lag die Ursache von Kriegen im Nationalstaatentum. Ohne Staaten würde es auf der Welt keinen Krieg mehr geben.

Keine Grenzen zwischen Ländern mehr? Ist das vorstellbar? Und wie stellt man sich eine Grenze im post-Schengener Europa überhaupt vor?

Beim geselligen Abend mit dem Theaterkollektiv »TurboPascal« wurde über diese und ähnliche Fragen nachgedacht und in großer Runde diskutiert.

Woran erkennt man denn eine Grenze?
An dem grimmig dreinschauenden Grenzbeamten. − Daran, dass es nicht mehr weiter geht – Das es auf der anderen Seite noch etwas anderes gibt. – An anderen Pflanzen und Tieren − An dem Zaun | der Mauer − Daran, dass man seinen Pass vorzeigen muss −  Daran, dass sie das dahinterliegende vereint und das umgebende ausschließt −  »Nein, lass das, hör auf!«

Es zeigte sich, dass Grenzen sich nicht nur auf die Stelle beschränken an der sich zwei Staaten treffen, persönliche Grenzen, körperliche Grenzen, Grenzen im Kopf. Grenzen gibt es überall und die meisten nehmen wir kaum mehr wahr, da sie uns alltäglich erscheinen. Wer würde einen wildfremden Menschen mit einer Umarmung und einem herzhaften Kuss auf die Wange begrüßen? Aber wer würde selbst von einem wildfremden Menschen mit einer Umarmung und einem herzhaften Kuss auf die Wange begrüßt werden wollen? Manche Grenzen ergeben für uns einen Sinn, da wir uns durch sie sicher fühlen. Schließlich einen sie die sich in den Grenzen Befindlichen und schließen sie von Außenstehen ab. Aber welche Grenzen brauchen wir wirklich, welche sollten wir abbauen und welche halten wir ein, ohne es zu wissen?

Solchen Fragen gingen wir am nächsten Tag gemeinsam mit TurboPascal in einem Workshop auf den Grund. Welche Grenzen finden wir in unserem Alltag, wie können wir selbst welche schaffen und sie für andere inszenieren? In Schünemanns Mühle und der Stadt Wolfenbüttel suchten wir nach Grenzen und erschufen sie selbst. Welche alltägliche Grenze bilden Bürgersteig und Straße? Als Fußgänger_in fühlt man sich auf dem Bürgersteig sicher, erhöht, separiert durch die Gosse von der Straße. Eine ganz alltägliche Grenze, aber an dieser stößt man sich auch schnell, wenn man als Fußgänger_in versucht, eine vielbefahrene Straße zu überqueren. Welche Grenze kann man denn hier zu seinem eigenen Schutz nutzen? Einen Zebrastreifen! Autofahrer_innen kennen diese Grenze der Verkehrsordnung, auch wenn es bloß ein Kreideexemplar auf Asphalt ist.

Der Abend endete bei einem gemeinsamen Grillabend. Zum Glück stellte der Carport eine unüberwindbare Grenze für den Wind da, der dem Grill den Garaus machen wollte.


Über das KulturCamp
Seit dem letzten Jahr gibt es in der Bundesakademie einmal jährlich das KulturCamp, mit Zelten hat dies allerdings weniger zu tun. Unter dem Thema »Grenzkontrolle« haben die beiden Programmleiterinnen  Kerstin Hädrich und Birte Werner vom 2. bis 4. November das diesjährige KulturCamp organisiert. Wie bereits 2013 lotet es das Jahresthema aus und stiftet ein Netzwerk zwischen jungen und erfahrenen Kulturschaffenden, Theorie und Praxis.

Ein Bericht von unserer FSJlerin Mathilda Wehling

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