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Ganz klar von Paxton inspiriert

23.03.2015

Seit mehreren Jahren habe ich nun schon Tanzunterricht, aber ich hatte mich bisher nie gefragt, welche Geschichte die unterschiedlichen Bewegungsmuster und -abläufe eigentlich haben, die gemeinhin »Moderner Tanz« genannt werden. Auf wen geht dieser und jener Stil zurück, wer erfand welche Technik und warum? Mit diesen Fragen komme ich erstmals jetzt beim Seminar »Moderner Tanz« in der Bundesakademie in Berührung.

In diesen drei Seminartagen erfahre ich allerhand über Biografie, Technik und Werk prägender Persönlichkeiten von Mary Wigman über Pina Bausch bis hin zu Meg Stuart. Ich lerne, welche bewegungstheoretische Strömung aus welcher Schule hervorging, wie das jeweilige Tanz- und Körperverständnis mit den je aktuellen gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen zusammenhing und wie zum Beispiel eine Trainingseinheit bei Merce Cunningham ausgesehen haben könnte.

Pina Bausch
Populäres Beispiel: Die Inszenierung »Nelken« von Pina Bausch von 1982

Doch zunächstl erproben wir praktisch die verschiedenen Charakteristika der einzelnen Choreograph_innen und Tänzer_innen. In Verbindung mit theoretischen Texten und Videomitschnitten entstehen daraus später in Kleingruppen Kurzperformances, Mini-Talkshows und weitere Improvisationen.

Ein Zitat aus Martha Grahams Buch »Der Tanz – mein Leben« ist mir dabei besonders  in Erinnerung geblieben: »Ich habe mich nicht dafür entschieden. Ich wurde zur Tänzerin bestimmt«. Graham gilt als Mutter des Modernen Tanzes und war die erste Choreographin, die den standardisierten Bewegungsablauf des Klassischen Balletts der Verar-beitung von Emotionen auf der Bühne unterordnete. »Bei ihr wurden erstmals die dunklen, abgründigen Seiten des Menschen thematisiert«, erklärt Tanzdramaturgin und -wissenschaftlerin Maren Witte, die zusammen mit der Tänzerin und Tanzpädagogin Carolin Schmidt den Workshop leitet.

Am nächsten Tag geht es chronologisch mit den aus der New Yorker Schule hervorgegangenen Choreographen Merce Cunningham, Steve Paxton und William Forsythe weiter, deren Trainingsmethoden und Kompositionstechniken direkt analysiert und in die Praxis umgesetzt werden. In der Gruppe versuchen wir uns an zufällig aneinandergereihten Bewegungssequenzen und Techniken wie der Contact Improvisation, bei der die Herausforderung darin besteht, dem jeweiligen Partner vollständig vertrauen zu können. Am Samstagnachmittag gehen wir dann raus auf den Wolfenbütteler Marktplatz. Angelehnt an Trisha Browns ortsspezifische Choreographien, die vor allem in den 1970ern populär wurden, experimentieren wir mit mathematischen Mustern und Alltagsgegenständen wie Regenschirmen oder Tageszeitungen. Einige Passanten wundern sich über uns, aber wir haben großen Spaß.

Zum Schluss befassen wir uns mit zeitgenössischen Compagnien und Künstler_innen, deren Arbeiten wir anhand von zahlreichen Ausschnitten aus aktuellen Inszenierungen analysieren. Sehr spannend finde ich die Überlegungen, wie Bewegungswissen von einer Generation in die nächste gegeben werden und wie man generell über Tanzgeschichte künstlerisch forschen kann. Aus der Diskussion heraus entsteht ein Ausblick für eine mögliche Weiterentwicklung der jetzigen Arbeits- und Produktionsbedingungen in der deutschen Tanzszene.

Von fast allen Teilnehmerinnen höre ich am Ende, dass sie gerne noch ein paar Tage länger geblieben wären, um noch tiefer in das Thema einzusteigen und weiter zu forschen. Die Begeisterung hat auch mich angesteckt. Und als ich am nächsten Tag in meiner Tanzschule stehe, sagt mir mein neu erworbenes tanztheoretisches Wissen hier und da leise: »Diese Bewegungssequenz – ganz klar von Paxton inspiriert.«  


Ein Bericht von unserer Praktikantin Nele Gittermann

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