Aktuelles

Sie können unsere Blogeinträge auch als RSS-Feed abonnieren.

Verunglückte Sexszenen mit Rainer Moritz

07.07.2015

»Sex ist wie Pizza«, sagte Mel Brooks. »Selbst wenn sie schlecht gemacht ist, ist sie immer noch ziemlich gut.« Für Pizza mag das stimmen, wenn es jedoch um Sex in der Literatur geht, trifft das Zitat nicht unbedingt zu. Den Beweis dafür führte Rainer Moritz. Der Autor las in der Bundesakademie Wolfenbüttel aus seinem Buch »Wer hat den schlechtesten Sex?«. Und trotz nahezu subtropischer Temperaturen an einem Montagabend fanden zahlreiche Besucher den Weg ins Mühlenfoyer.

Ausgerechnet am Internationalen Tag des Kusses beschäftigte sich Rainer Moritz mit der vermeintlich natürlichsten Sache der Welt. Für sein Buch suchte er missglückte Sexszenen in der deutschsprachigen Literatur der vergangenen Jahrzehnte, um sie ironisch zu kommentieren. Sein Urteil: »Die meisten Autoren stürzen ab, wenn sie meinen, auf die Matratze gehen zu müssen«. Ob Elfriede Jelinek, Clemens J. Setz oder Martin Walser - tatsächlich geraten selbst gestandene Literaten sprachlich ins Schlingern, je tiefer sie in ihren Werken in das Thema Sex einsteigen.

Ein Schwerpunkt bei seiner literarischen Spurensuche legte Rainer Moritz auf die Literatur der vergangenen 30 Jahre. Etwa seitdem, so konstatiert Rainer Moritz, werde der geschriebene Sex expliziter. Vorbei sind die Zeiten, als Autoren das Thema noch taktvoll umgehen konnten. Die Autoren im 19. Jahrhundert hätten es mit der körperlichen Vereinigung noch wesentlich einfacher gehabt: »Die haben es einfach nicht beschrieben«, so Moritz. Andeutungen blieben so vage, dass der Leser gelegentlich weit zurückblättern musste, um die Stelle zu finden, an der eine Protagonistin schwanger geworden sein könnte. Und noch vor wenigen Jahrzehnten herrschte deutlich mehr Zurückhaltung. Max Frisch beispielweise gab zu, dass er es einfach nicht könne – Sexszenen in seine Romane einzubauen. In »Homo faber« etwa deutete ein Gedankenstrich dezent an, dass eine Begegnung intim wurde. Doch diese Zeiten sind vorbei, spätestens seit »Feuchtgebiete« oder »50 Shades of Grey« die Bestsellerlisten anführen.

Rainer Moritz signiert - auf Wunsch auch ohne persönliche Widmung

Einige Autoren machen es sich wiederum etwas zu leicht, wenn sie beispielsweise über das unerlässliche Entkleiden schreiben: »Sie rissen sich die Kleider vom Leib«. »Angesichts komplizierter Kleidungsstücke ist das unrealistisch«, so Rainer Moritz, ganz abgesehen vom ökonomischen Schaden, den so leidenschaftliches Handeln nach sich zöge. Andere Autoren verlieren sich hingegen in anatomischen Beschreibungen wie dem Ausdehnungsvermögen der Klitoris. Auch auf diesem Gebiet enthalte die Literatur einige unglaubwürdige Angaben. Und schließlich bemühten einige Schriftsteller gewagte Metaphern aus der Tierwelt oder aus der Obst- und Gemüseabteilung. In seinem Roman »Alles, was ist« schrieb etwa der US-amerikanische Autor James Salter: »Er kam wie ein trinkendes Pferd.« »Wissen Sie eigentlich, wie sich so was anhört?«, fragte Rainer Moritz das amüsierte Publikum. Weder Erkundigungen bei befreundeten Pferdeexperten noch eigene Youtube-Recherchen erbrachten in diesem Fall ein eindeutiges Ergebnis.

Im Gespräch verriet Rainer Moritz auch etwas Autobiographisches – woher dieses Interesse an literarischem Sex eigentlich rührt. Weil sich die Aufklärung des Heranwachsenden leider nicht von selbst erledigt hatte, schob seine Mutter dem Jungen eines Tages ein Buch von Kurt Seelmann über den Tisch: »Woher kommen die kleinen Buben und Mädchen?«. So hilfreich dieser Aufklärungsklassiker auch gewesen sein mag – als sich der Autor im vorletzten Kapitel endlich dem Akt als solchen näherte, klang das eher wie eine Gebrauchsanweisung. Aber das Interesse am Thema war geweckt. Auf der Suche nach expliziten Stellen durchforstete der Jugendliche als nächstes die Erzählung »Narziß und Goldmund« von Hermann Hesse - ein Autor, dem man laut Moritz als gebürtigem Württemberger von Natur aus zugewandt sei, der sich aber auch noch vergleichsweise zugeknöpft zeigte. Die zeitgenössische Literatur hat da viel mehr zu bieten, nur eben nicht immer nur Gelungenes. Und so groß das Interesse an dem Thema auch ist: »Hin und wieder ist es einfach entspannend einen Roman aus dem 19. Jahrhundert zu lesen«, sagt Rainer Moritz - so ganz ohne Sexszenen.

Rainer Moritz leitet das Literaturhaus Hamburg. Er ist Literaturkritiker und Autor zahlreicher Publikationen, darunter »Der fatale Glaube an das Glück. Richard Yates – sein Leben, sein Werk«, der Roman »Mutter kommt, wir halten durch« und »Dicht am Paradies. Spaziergänge durch Pariser Parks und Gärten«. Der Bundesakademie für Kulturelle Bildung ist er seit Jahren verbunden. Zuletzt leitete er in Wolfenbüttel das Seminar »Junge trifft Mädchen | Werkstatt Liebesgeschichte«.

Dieser Artikel wurde unter abgelegt und mit Literatur, Lesung verschlagwortet

Kommentare

mechthild podzeit-jonke schrieb am: 05.08.2015 13:05

würde gerne mal in hamburg lesen - das buch von seelmann wurde auch mir vorgelegt...das konnte ja nicht alles gewesen sein....:-) freundliche grüße, mechthild podzeit-jonke

Hinterlassen Sie einen Kommentar