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Bericht aus dem »mobilen Institut für aktive Integration«

08.06.2016

Aufgabe des »mobilen Institut für aktive Integration« ist es, mithilfe der ästhetischen Forschung, die eigene Kultur zu hinterfragen und eigene Potentiale zu entdecken, um Welt zu verändern. Das Institut ist (noch) ein fiktives und wurde von Antonia Isabelle Weisz im Rahmen des Kurses »Künstlerische Arbeit mit Geflüchteten« an der Bundesakademie erfunden. Weisz bezeichnet sich selbst als »poetische Spielraumeröffnerin« und gibt den Teilnehmenden Einblick in ihre Arbeit mit geflüchteten Jugendlichen. Obwohl diese oft wenig bis gar kein Deutsch sprechen, könne man sie trotzdem mit einfachen Mitteln zum Schreiben ermutigen und ihnen so eine Stimme verleihen. »Kunst ist für mich die Möglichkeit auszudrücken, dass wir als Menschen selbst die Regeln aufstellen, unter denen wir gemeinsam leben wollen«, so Weisz.

Später am Nachmittag übernimmt die Musikerin Hayat Chaoui. Sie gibt dem Kurs einen Eindruck wie es ist, fremd in einem Land zu sein und dessen Sprache nicht zu verstehen. Die erste ihrer Übungen erläutert sie dementsprechend auf Arabisch. Ihr Workshop steht unter dem Motto »interkulturelle Sensibilisierung« und zeigt die Kommunikationsschwierigkeiten auf, die in der künstlerischen Arbeit mit Geflüchteten entstehen können. Die Teilnehmenden finden im Selbstversuch heraus, wie es sich anfühlt, der eigenen Sprache beraubt zu sein. Wie fühlt es sich an, um Worte zu ringen? Wie entstehen überhaupt Regeln und wer bestimmt über ihre Einhaltung? Ist es richtig, sich ihnen zu beugen oder an den eigenen Vorstellungen von Richtig und Falsch festzuhalten? In verschiedenen Experimenten werden Gruppendynamiken beleuchtet und unterschiedliche Situationen auf ihre gesellschaftliche Bedeutung hin untersucht. Zum Schluss wird dann endlich gesungen – auf Arabisch, Türkisch und Balanta.

Momentan gibt es eine ganze Menge an neuen Projekten mit Geflüchteten. Was oftmals fehlt, ist die Vernetzung und der Erfahrungsaustausch unter den Akteur_innen. Aus diesem Grund gibt es am Abend eine Infobörse, in der die Workshopleiterinnen den Teilnehmer_innen Rede und Antwort stehen. Zu Besuch kommen zudem zwei Vertreterinnen der Flüchtlingshilfe Braunschweig, die zu den momentanen rechtlichen Rahmenbedingungen beraten. Das Wissen um die aktuelle Situation von Geflüchteten, die Gesetzeslage und rechtliche Herausforderungen ist in der Arbeit mit Geflüchteten extrem wichtig, weswegen wir sehr froh über diese externe Perspektive sind.

Den Abschluss des dreitägigen Seminars bildet der Workshop mit Nina de la Chevallerie, die konkrete praktische Tipps für die Theaterarbeit mit Geflüchteten gibt. Hierbei geht es vor allem um Probleme und Sensibilitäten, die zu bedenken sind, wenn man mit Jugendlichen arbeitet, die aus einem anders sozialisierten Kontext stammen. Viele von ihnen hätten überhaupt keine Vorstellung von europäischem Theater, erzählt sie. So stehe am Anfang ihrer Arbeit oft die Aufgabe, eine Idee von Darstellung und Präsentation zu vermitteln, dann erst könne man gezielt mit Proben beginnen. In der Regel eigneten sich prozessorientierte Ansätze daher viel besser als produktorientierte, was man auch den entsprechenden Förderern verdeutlichen müsse. Generell sei es wichtig, jedes Mal neu auf die spezifischen Bedürfnisse der Geflüchteten einzugehen: »Wir arbeiten nach dem Adventskalenderprinzip«, verdeutlicht de la Chevallerie, »jeder Tag ist ein neues Türchen; man weiß nie, was passiert«.

Was bleibt? Viele praktische Übungen für eigene Projekte. Und: die eigene Haltung und Motivation zu reflektieren und unterschiedlichen Menschen wertschätzend zu begegnen.

Ein Gastbeitrag von Nele Gittermann, Studentin der Kulturwissenschaften an der Universität Hildesheim.

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