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Ehrenbürgerschaft für Dietrich Burggraf

22.09.2017

Am Freitag, den 22. September haben wir Dietrich Burggraf für seine langjährigen Verdienste die Ehrenbürgerschaft der Bundesakademie für Kulturelle Bildung Wolfenbüttel verliehen. 19 Jahre – von 1998 bis 2017 – engagierte sich der Diplom-Pädagoge ehrenamtlich im Vorstand der Bundesakademie. Die Verleihung fand im Rahmen der Tagung »Kulturpolitische Existenz heute. Biografische Zugänge« statt, die Burggraf selbst mit der Direktorin der Akademie, Prof. Dr. Vanessa-Isabelle Reinwand-Weiss leitete: »Wir danken Dietrich Burggraf für die tolle Zusammenarbeit. Es braucht so engagierte und politisch aktive Menschen wie ihn in der Kultur!«, sagte sie.

Burggraf Ehrenbürgerschaft

Gerd Dallmann und Vanessa Reinwand überreichten Dietrich Burggraf die Urkunde zur Ehrenbürgerschaft mit 19 persönlichen Dankesworten für 19 Jahre Unterstützung.

Klaus-Peter Bachmann, Vizepräsident des niedersächsischen Landtags, überreichte Dietrich Burggraf an diesem Abend zudem die Heinrich-Hoffmann-von-Fallersleben-Plakette für sein besonderes bürgerschaftliches Engagement in den Bereichen Kunst, Kultur und Erwachsenenbildung.

Anlässlich der Verleihung wollten wir mit Dietrich Burggraf Bilanz ziehen und über Kulturelle Bildung sprechen. 

Dietrich Burggraf, Sie haben die Bundesakademie für Kulturelle Bildung Wolfenbüttel von 1998 bis 2017 verantwortlich begleitet. Wie sehen Sie die Bundesakademie heute?
Burggraf: Zurück liegt ein vergleichsweise langer Zeitraum, in dem sich die Bundesakademie in besonderer Weise entwickelt hat – auf qualitativ hohem Niveau: Heute ist die Bundesakademie die bundesweit anerkannte Akademie für Kulturschaffende, Künstlerinnen und Künstler und Kulturvermittler mit guten internationalen Netzwerken und Kooperationen und überaus positiver Resonanz und Anerkennung.

Und wie gestaltete sich die Arbeit im Vorstand?
Burggraf: Der Vorstand ist ein kleines Arbeitsgremium, drei Mitglieder, zwei von der Mitgliederversammlung des Trägervereins gewählt, hier sind u.a. 38 Kulturverbände, alles was Rang und Namen hat versammelt, sowie ein Vorstandsmitglied, das vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur benannt wird. Der Vorstand ist für die Rahmenbedingungen zuständig. Er wird von einem künstlerischen Beirat unterstützt. Der Vorstand verantwortet die Arbeit im Rahmen des Vereinsrechtes, im Blick auf kulturpolitische Grundsatzentscheidungen und verantwortet das Bildungsprogramm und die Finanzen. Bildung freilich braucht Zeit und Raum. Wir haben immer den Raum für gute Arbeit gegeben und sind nicht operativ tätig geworden. Sich auf die wirklichen Grundsatzentscheidungen zurückzunehmen hat sich bewährt. Schauen Sie, wie gut sich die Akademie entwickelt hat! Das hat natürlich nicht mit dem Vorstand sondern mit der guten Arbeit aller hier vor Ort Tätigen zu tun. Und das drückt sich auch in der guten Zusammenarbeit mit der Akademieleitung, langjährig mit Dr. Karl Ermert und jetzt mit Prof. Dr. Vanessa-Isabelle Reinwand-Weiss und dem gesamten Team, aus.

Wie sind Sie zur Kulturellen Bildung gekommen? Gibt es da prägende Erlebnisse?
Burggraf: Ja, da gab es familiär einen prägenden bildenden Künstler, einen wunderbaren Maler und Zeichner, meinen Großvater. Einen cineastisch überaus interessierten Vater und eine bis heute politisch sehr engagierte Mutter. Zudem die ermutigende Aufbruchstimmung in den frühen 70er Jahren des letzten Jahrhunderts, ich habe das alles damals in Göttingen erlebt. Eine sehr prägende Atmosphäre. Und dann die »neue Kulturpolitik« von Hilmar Hoffmann in Frankfurt, Herman Glaser In Nürnberg und Siegfried Hummel in Osnabrück mit einer demokratischen »Kultur für alle und mit allen«. Das hat mich sehr beeinflusst und ist auch heute noch wichtig.

Warum?
Burggraf: Es gab persönlich auch eine andere Erfahrung. Also, es gibt für mich auch noch einen oppositionellen, eher widerständigen Impuls: Ich bin im akademisch geprägten Göttingen, nicht im Ostviertel, wo die »besseren Leute« wohnen, groß geworden sondern zusammen mit meiner Eltern und meiner Schwester in der Sozialbauwohnung. Ich war nicht das »Schmuddelkind«, vor dem Franz Josef Degenhardt im Lied so wunderbar ironisch warnte, aber der soziale und kulturelle Gegensatz in der Stadt war offensichtlich. Kultur als Abgrenzung, ein »Dünkel der Eigentlichkeit«, sogar um den anderen regelrecht klein zu machen, das ist damals wie heute kein unbekanntes Verhalten. So nach dem Motto: »Was, sagen Sie, Sie waren noch nicht in der Elbphilharmonie oder auf der Documenta in Kassel?«

Und, waren Sie?
Burggraf: Ja ich war, welch Konzertgenuss!! Und über die Documenta müsste man etwas länger sprechen. Aber bitte, genau darum geht es jetzt nicht.

Sondern, worum geht es?
Burggraf: Ich meine jenes kulturell-elitäre Gehabe, das mit Kultur wenig aber mit Status und Macht sehr viel zu tun hat. Genau dem setzt eine »Kultur für alle« ein demokratisches Konzept entgegen. Und das ist nicht nur was für Fachleute und ein »alter Hut«. Es geht um Teilhabe- und Beteiligungschancen für Jung und Alt, für Hiesige und Flüchtlinge, für alle, die sich beteiligen und entwickeln wollen. Nicht nur für die »aus dem Ostviertel«. Und genau das ist die Chance der Kulturellen Bildung, mit künstlerischen Mitteln offen für alle Menschen zu sein.

Hat Kulturelle Bildung nicht viele Facetten?
Burggraf: Ja. Kulturelle Bildung hat viele Facetten. Es geht um spannende, eigensinnige und sperrige Kunst und Kultur, wie man sie verstehen, sich aneignen und selber gestalten und vermitteln kann. Es geht um gesellschaftliches Teilhaben, um Persönlichkeitsentwicklung und einen weiten Horizont. Es geht nicht um »das Gute, Wahre und Schöne«, sondern – mit Kunst und Kultur -  um die Menschen in einem ganz umfassenden Sinn. Das Vermitteln von Werten ist dabei wichtig. Aber auch das suchen von neuen Sichtweisen und glaubwürdigen gesellschaftlichen Alternativen.

Und was trägt die Stadt Wolfenbüttel dazu bei?
Burggraf: Ohne Kultur wäre eine Stadt geschichts- und gesichtslos. Insofern ist der Satz »Kultur kann, aber muss nicht« Unsinn. Wolfenbüttel hat hier eine beeindruckende Tradition und heute ein reiches kulturelles Leben. Wolfenbüttel hat Zukunft. Dazu trägt auch die Bundesakademie bei.

Zum Schluss, was würden Sie jungen Leute heute raten?
Burggraf: Macht Euer Ding. Und auf den einzelnen bezogen: Tu, was Dein Herz sagt. Reibe Dich nicht im Kampf um Leistungspunkte und im Bulimie-Lernen auf. Lerne, in Zusammenhängen zu denken. Geh mutig Deinen Weg. Think Big!

Über Dietrich Burggraf: Jahrgang 1951, Dipl.-Pädagoge mit langjährigen Erfahrungen im Bildungs- und Kulturmanagement, Studium der Erziehungswissenschaft und für das Lehramt (Ev. Theologie, Politik, Kunst) in Göttingen und Hannover 1973 bis 1979, Geschäftsführer der Ev. Erwachsenenbildung in der Region Osnabrück 1980 bis 1988, Leitung und Modernisierung der Volkshochschulen in Emden, Braunschweig und Hannover 1988 bis 2009, Leitung und Geschäftsführung des Bildungszentrums HVHS Hustedt – Zentrum für soziale Demokratie und Mitbestimmung 2009 bis 2016. Interimsleitung des Deutsch-niederländischen Bildungszentrums Europahaus Aurich 2016. Ehrenamtlicher Vorstandsvorsitzender des Trägervereins der Bundesakademie für Kulturelle Bildung von 1998 bis 2004, stellv. Vorsitzender 2004 bis 2008, erneut Vorsitzender von 2008 bis 2017.

Langjähriges kulturpolitisches Engagement: Internationales Filmfest Emden, Stadtbibliothek und Musikschule Emden sowie Johannis a Lasco Bibliothek Große Kirche Emden (Bibliothek des Jahres der ZEIT-Stiftung 2001), Bildungsvereinigung Arbeit und Leben Niedersachsen, Weiterbildungsberatung Hannover, langjährige Lehraufträge an der Leibniz-Universität Hannover, Veröffentlichungen zur kulturellen und politischen Bildung sowie zur Organisationsentwicklung von Kultur- und Bildungseinrichtungen., Mitarbeit in den Evangelisch-reformierten Kirchengemeinden Osnabrück, Emden und Celle, Bürgermitglied im Kulturausschuss des Rates der Stadt Emden und heute in Celle.

Zur Tagung »Kulturpolitische Existenz heute. Biografische Zugänge«
Kultur und Kulturentwicklung benötigen Visionen und Impulse, solide Grundlagen und gewagte Perspektiven – die Würde des Menschen und die Freiheit der Kunst im Blick. Diese Voraussetzungen müssen immer wieder neu von Menschen erstritten, erkämpft und ermöglicht werden. Im Mittelpunkt dieser Tagung stehen politisch denkende und handelnde Künstler_innen  und  künstlerisch  geprägte  Politiker_innen,  die  für  kulturpolitische  Voraussetzungen  von  Kunst  und  Kultur  eintreten.  Wir  diskutieren  über  gesellschaftliche  Herausforderungen  und  biografische  Meilensteine,  über  Haltungen und Überzeugungen. Uns interessieren der subjektive Faktor und die objektiven Bedingungen,  um  dem  auf  die  Spur  zu  kommen,  was  kulturpolitische  Existenz und kulturelle Bildung heute heißen. Die öffentliche Veranstaltung wendet sich an alle Interessierten, die einmal hinter das Offensichtliche blicken möchten.

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