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Und was sagt Dein Sudelbuch?

26.09.2017

Schluss mit ellenlangen Vorträgen, peinlichen Vorstellungsrunden und drögen Präsentationen – jede_r Kulturvermittler_in ist im Grunde permanent auf der Suche nach tollen Vermittlungsformen, die die Teilhabe des Publikums bzw. ihrer Teilnehmenden herausfordert und fördert. Dem Thema »bessere Veranstaltungsformate« widmete die Bundesakademie Ende Juni deshalb die zweitägige Tagung »Anzetteln - Was kommt eigentlich nach Fishbowl und Worldcafé?«. Das Ziel war es, ganz unterschiedliche neue partizipative Formate und Methoden kennenzulernen und auszuprobieren, die dann von den Kunst- und Kulturvermittelnden auch in ihren Tagungen, Seminaren und Workshops eingesetzt werden können.

Hier kommt ein kleiner Auszug aus der umfangreichen Dokumentation der Tagung mit Methoden zum Warm-up, Workshops und Feedback: 

Gruppenbekenntnisse
Frank Oberhäußer vom Theaterkollektiv Turbo Pascal bittet eine_n Freiwilligen mit gutem Foto-Handy nach vorn. Dann projiziert er Sätze an die Stirnwand, unter denen sich alle Angesprochenen zum Gruppenbild versammeln sollen. Zum Beispiel: »Wir sind zum ersten Mal bei einer Veranstaltung der Bundesakademie Wolfenbüttel.« Oder: »Wir haben gestern ein Format gelernt, das wir so schnell wie möglich ausprobieren wollen.« Oder: »Wir haben gestern etwas gesehen oder gehört, das uns verwirrt hat.« … Nach und nach trauen sich die Gruppen auch, theatralische Minen und Gesten zu ihren Bekenntnissen zu zeigen, und die Bilder werden immer witziger.

Gruppenbekenntnisse II
 
Susanne Müller-Jantsch (Kulturzentrum Pavillon Hannover), Andrea Ehlert (Programmleiterin ku an der Bundesakademie) und Dorit Klüver (LAG Soziokultur Niedersachsen)

Lean Coffee: extra schnell und effektiv
Normalerweise berät Annekatrin Konermann vom Innovationszentrum Niedersachsen Wirtschafts- und Technologie-Fachleute. Daher ist ihre Neugier auf die Kulturschaffenden glaubhaft, die sie nun auch umgekehrt mit großen Augen anschauen. Ihre extraschnelle Methode zur Themenfindung »Lean Coffee« soll in der Kaffeeküche eines Unternehmens entstanden sein. Damit ist ein Treffen ohne vorab definierte Agenda gemeint, zu dem man im Prinzip einfach nur mit einer Kaffeetassse in der Hand erscheint und zu dem jeder mit einem Aushang einladen kann. Die Themen werden zu Beginn gemeinsam von allen festgelegt. Wie effektiv diese Methode ist, wird hier gleich durchgespielt: Ein Brainstorming über Fragen, die den Teilnehmenden unter den Nägeln brennen, und eine postwendende Punktewertung bringt das Thema an den Tag: »Fuck-up-nights, um über gescheiterte Methoden zu reden«. Die folgende Fünf-Minuten-Diskussion entfacht emotionales Feuer und spitzt das Thema genau dadurch zu. Am Ende staunt Annekatrin Konermann: »Wir sind zwei Minuten früher fertig. Das läuft hier besser als bei den Technologen!«

Gruppenbekenntnisse
 

Illustratorin Johanna Benz zeichnet während der gesamten Tagung. Am Ende hängen ihre Bilder überall an den Wänden und Pfeilern.

Kultur-Ralley mit Geocaching
Als moderne Form der Schnitzeljagd ist Geocaching ein zugkräftiger Trend. Wie man es nutzen kann, um kulturelle Themen zu vermitteln und neues Publikum an bestimmte Orte zu locken, das zeigt Daniel Pflieger vom Unternehmen GeheimPunkt Hannover. Vier Kleingruppen à sechs Personen werden mit je einem GPS-Gerät, Klemmbrett mit Aufgabenbögen und Dekodierkarte ausgestattet. Sie knobeln sich quer durch Fachwerkgassen und Parks, finden das kleinste Cache in einer Schraube am öffentlichen Fahrradständer und das größte unter einem hohlen Plastik-Findling an den Wolfenbütteler Wallanlagen.


Gelegenheiten schaffen: Das Ideen-Dinner
Um ihre Ideen für Inspiration vorzustellen, lädt Anna Brandes fünf Teilnehmende zum »Ideen-Dinner« ein, die das Format hier beispielhaft auf einer Bühne ausprobieren. Normalerweise wäre kein Publikum dabei, aber die Probanden lassen sich nach einer Weile überhaupt nicht mehr davon irritieren. Es geht darum, dass ein_e Teilnehmer_in eine berufliche oder private Frage klären möchte. Anna Brandes lädt dazu Expert_innen und Querdenker_innen ein, die bei einem Abendessen im privaten Ambiente darüber diskutieren. In vertraulicher, entspannter Atmosphäre werden die Gedanken durchlässiger und die Gespräche kreativer als im Business-Setting.

Dinner


Fünf Finger
Die »Fünf-Finger-Methode« wird mit sechs Kleingruppen vor Ort ausprobiert. Votiert wird so: Kleiner Finger = Das kam zu kurz. Ringfinger = Das nehme ich mit. Mittelfinger = Das war Scheiße. Zeigefinger = Darauf will ich in Zukunft achten. Daumen = Das war super! Nur jeweils eine Minute verständigt sich jede Gruppe über ihre Antworten zu den fünf Fragen, vom kleinen Finger bis zum Daumen. Nach jedem Finger gibt jeweils ein_e Sprecher_in der Gruppe ihr Ergebnis bekannt.

»Sudelbücher«
Am Anfang der Tagung lädt eine Workshop-Station dazu ein, mit farbigem Papier, Tacker, Locher und Bindfaden, sich ein »Sudelbuch« zu basteln, das jede_n Teilnehmer_in als Notizbuch begleiten soll. Und tatsächlich wird man über die zwei proppenvollen Tage viele dieser saloppen Bastelarbeiten in Gebrauch erleben. Am Ende der Tagung – präsentieren die Autor_innen – als eine Methode des Feedbacks – ihre Sudelbücher.


Und die Ausbeute?
In dem riesigen, vielfältigen Angebot der vorgestellten Methoden war wirklich für jede_n etwas dabei, das im eigenen Kulturbetrieb gut umsetzbar ist. Das gemeinsame Ausprobieren oder mindestens Anreißen all der Formate hat Spaß gemacht, die Teilnehmer_innen in Bewegung und in Kontakt gebracht. Nur wenigen ging das alles zu schnell, denen hier und da Nachbereitung und Reflektion fehlte. Die Veranstalterinnen freuten sich über rund 30 Neulinge, die zu dieser Tagung erstmals in der Bundesakademie Wolfenbüttel waren. Sie werden ihre erfolgreiche Reihe »Anzetteln« fortsetzen.

Hier geht es zur Dokumentation der Tagung.



Illustratorin: Johanna Benz www.johannabenz.de

johanna benz


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