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Murmelrunden und Geh-spräche statt Power Point und Endlosdozieren

26.09.2017

Unsere Kollegin Franziska Schönfeld ist seit 2014 als Projektreferentin für den Qualitätsverbund »Kultur macht stark« an der Bundesakademie tätig. Zudem wirkte die Diplom-Kulturwissenschaftlerin an mehreren Großprojekten der Kulturellen Bildung, z. B. an der Wissensplattform www.kubi-online.de mit. Die Durchführung von Veranstaltungen aller Art und das Teilnehmen an Vorträgen, Workshops, Tagungen und Seminaren gehört zu ihrem Arbeitsalltag. Wir haben mit ihr über ihre Erfahrungen als Teilnehmende und Organisatorin gesprochen.

Franziska

Franziska Schönfeld am Tamtam beim Moderieren eines Workshops. Illustration von Édith Carron / Bundesakademie Wolfenbüttel 


Franziska, Du bist viel unterwegs auf Tagungen und Workshops. Was ist Dir dabei aufgefallen?

Mir fällt auf, dass die wichtigen Gespräche meistens in den Pausen oder abends im sogenannten »informellen« Teil der Veranstaltung stattfinden. Das finde ich schade. Ich glaube, die Erfahrungen und Kenntnisse der Teilnehmenden sollten in jeder Veranstaltung stärker und früher angezapft werden. Ich würde mir, gerade auf großen Fachtagungen, mehr Mut zu offeneren Formaten wünschen, mehr Workshops, die den Namen auch verdienen, weniger Podiumsdiskussionen. Stuhlkreis statt Reihenbestuhlung. Und: Bewegungspausen.

Drei Dinge, die Dich furchtbar nerven?
1. Frontalunterricht: eine Person doziert über (gefühlte) Stunden, ohne die Stimmung im Raum oder das Wissen der Anwesenden zu berücksichtigen. 2. Schlechtes Zeitmanagement: Jemand überzieht seine Redezeit und schwupps wird an der Kaffeepause gespart. Dabei ist die so wichtig für den Austausch und das Netzwerken untereinander. 3. Die Vorleser: Referent_innen, die auf jede Folie ihrer Power-Point-Präsentation einen halben Roman in Schriftgröße 8 schreiben und Wort für Wort vorlesen.

Und das macht Ihr bei Euren Veranstaltungen natürlich gaaanz anders?
(lacht). Na, wir versuchen es zumindest. Nahezu alle unserer Referent_innen kommen selber aus der Praxis und halten eher Impulse, weniger Vorträge. Wir experimentieren viel mit Formaten wie BarCamp, Case Clinics (das ist eine Art der kollegialen Fallberatung) und assoziativen Methoden aus dem Design Thinking. Wichtig finde ich auch die Vernetzung unter den Teilnehmenden, z. B. durch Geh-spräche, Murmelrunden oder Speed Meeting. Und wir versuchen Frei-Zeiten und Puffer in den Programmablauf einzubauen und arbeiten gerade in Praxisworkshops oft mit dem »Arbeits-Du«. Insgesamt verstehen wir die Veranstaltungen des Qualitätsverbunds als eine fachliche Plattform, auf der wir gemeinsam arbeiten und uns austauschen können. Reflexion und Netzwerken finde ich enorm wichtig, denn die Projektarbeit ist für viele manchmal ein einsames Geschäft.

Beim Qualitätsverbund »Kultur macht stark« hattet Ihr über 60 verschiedene Einzelveranstaltungen. Wie schafft man da etwas Nachhaltiges für die Teilnehmenden?
Bei Projekten schwingt ja die Frage nach der Nachhaltigkeit immer mit. Wir haben uns auch gefragt, wie wir die Erkenntnisse von vier Jahren für den sehr gemischten Teilnehmerkreis sinnvoll aufbereiten können. Durch unsere Feedbackbögen und viele Gespräche wussten wir, dass die Wissenslagen sehr unterschiedlich sind, d. h. wir wollten eine Struktur entwickeln, die verschiedene Zugänge bietet: für Projektneulinge, für Alte Hasen, für Theorieinteressierte und Methodensuchende. 2016 entwickelten wir dann die Idee eines Materialpools, der Praxisbeispiele, Hinweise auf Grundlagentexte, Kurzdokus zu Veranstaltungen und eine Methodensammlung zu den wichtigsten Themen zu »Kultur macht stark« enthält. Ganz besonders stolz sind wir auf die Methodenbox, die 40 Methodenkarten enthält, die allesamt von unseren Referent_innen erstellt worden sind, sozusagen aus der Praxis für die Praxis. In der Box findet man tolle Impulse, von den »5 Rollen in einer Kooperation«, über die »Checkliste für eine gute Pressekonferenz« bis hin zum »Mini-BarCamp«.

Toll! Und wo kriegt man das her?
Der Materialpool ist seit Ende 2016 auf unserer Website online kostenfrei verfügbar. Wir haben von den Methodenboxen nur eine kleine Auflage drucken lassen. Die sind wahnsinnig begehrt. Ich nehme die immer mit zu meinen Veranstaltungen. Einige Boxen habe ich extra noch im Projektbüro gehortet. Ich würde sagen: den ersten 3 Personen, die diesen Blogeintrag kommentieren, schicke ich eine Box nach Hause!

MethodenboxZum Qualitätsverbund »Kultur macht stark«
Es ist ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördertes Verbundprojekt der Bundesakademie für Kulturelle Bildung Wolfenbüttel und der Akademie der Kulturellen Bildung des Bundes und des Landes NRW (Laufzeit: 2014-2017). Mit dem Programm »Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung« fördert das BMBF außerschulische Angebote der Kulturellen Bildung für Kinder und Jugendliche aus benachteiligenden Lebenssituationen. Der Qualitätsverbund ist zuständig für die Qualifizierung, Vernetzung und den Fachaustausch der Praxisakteur_innen im Programm. Er veranstaltet kostenfreie Praxisworkshops und Regionalkonferenzen: Thematisch, praxisnah und bundesweit. Materialpool auf der Website des Qualitätsverbundes »Kultur macht stark«

Dieser Artikel wurde unter abgelegt und mit Kultur macht stark, Qualitätsverbund, Veranstaltungen, Tagung, Formate verschlagwortet

Kommentare

Stefanie Borgmann schrieb am: 29.09.2017 09:15

Vielen Dank für diesen tollen Beitrag! Erfrischend zu sehen, dass es Bemühungen gibt, neue Impulse für die Kulturelle Bildung zu setzen und das Netzwerk enger zu knüpfen!

Anja Bernhardt schrieb am: 29.09.2017 09:23

Ein sehr, sehr schöner Beitrag! Endlich wird auch mal über die Form und nicht nur über Inhalte gesprochen. Genau das ist es, was ich immer richtig anstrengend finde: ewig zu dozieren mit zusammengebastelteten PowerPoint-Präsentationen, die Nase auf dem Papier - anstatt mit den Menschen, die vor einem sitzen, wirklich ins Gespräch zu kommen. Großes Lob!

Inga Specht schrieb am: 29.09.2017 09:21

Vielen Dank für diesen interessanten Beitrag. Bei "Drei Dinge, die furchtbar nerven" sprechen Sie mir aus der Seele! Das passiert leider noch viel zu oft auf Tagungen/Konferenzen. Der Kontak und Austausch unter den Teilnehmenden ist sehr wertvoll. Dies erlebe ich jedenfalls immer als einen großen Mehrwert. Wichtig allerdings, ist m.E. die Balance (zwischen qualitativen Input und offenem Austausch), damit die Teilnehmenden nach der Veranstaltung auch etwas für sich und Ihren Alltag mitnehmen. Die Veranstaltungen der ba sind hier m.E. ein gutes Beispiel.

kati burchart schrieb am: 29.09.2017 09:19

Herzlichen Dank für das Zusammentragen und die Aufarbeitung bewährter methodischer Praktiken. In meiner tanzpädagogischen Arbeit mit Kindern stelle ich mich selbst immer wieder dieser Herausforderung und freue mich über ihr Angebot eines Erfahrungsschatzes. Wir betreffende Kunstschaffende und Pädagogen sind angeregt, uns darüber auszutauschen.

Heinke Hartmann schrieb am: 29.09.2017 09:31

Tolle Anregungen! Schon die Titel "Murmelrunden" und "Geh-spr

Sandra Busse schrieb am: 29.09.2017 11:03

Ganz tolle Ideen!!!!

Angelika von Tomaszewski schrieb am: 29.09.2017 11:05

Chapeau, sehr schöne Methoden und Anregungen. Vielen Dank für die Möglichkeit des Downloads, zuerst stand heute die offizielle Verabschiedung meiner Praktikantin auf dem Plan, deshalb habe ich die Chance auf die analoge Version wohl leider verpasst... ;)

Katrin Bergemann schrieb am: 29.09.2017 10:22

Die heutige Mail aus Wolfenbüttel erreichte mich erst um 10h25, also leider zu spät, um durch den Zeitpunkt meines Kommentar unter die "Box-Gewinner/Innen gelangen zu können. Schade. Seit Jahren nehme ich immer wieder an Veranstaltungen verschiedener Bereiche der BA-kuBil teil, lerne dabei jedes Mal etwas oder gar viel hinzu, inhaltlich wie auch methodisch, was ich dann umgehend in meine Arbeit und in den Alltag mit habe einfließen lassen und auch Kolleg/Innen zum Nach-Danken und Nach-Machen mitteile. Eine schriftliche Zusammenfassung Eurer Methoden und Ergebnisse auf Karten in einer Box: Großartig und hilfreich, nicht zuletzt, um sich selber immer wieder in frischen "Ansätzen" zu schulen und zu stärken und die Arbeit der jeweiligen Gruppe(n) interessant, kurzweilig und (inter)aktiv zu gestalten, die Teilnehmenden aus einer festen (schützenden, kuschelligen) Sitzordnung herauszuholen, sie in jeder Hinsicht "in Bewegung" und ins thematische Gespräch miteinander zu bringen. Und sich selber als Gegenüber, Anleiter/iIn, Erklärende/r beiseite / bei Seite. Das bringt's. Info: Übrigens lernte ich 1988 in Bordeaux an Jacques Langs Musée de l'Art Moderne ähnliche Boxen kennen: Dort gab es sie nach Farben sortiert, La boîte jaune, La boîte rouge, La boîte bleue etc., mit Bildbeispielen aus verschiedenen Epochen bestückt, auch Bildausschnitten, und mit Arbeitsanleitungen zur Bildbetrachtung wie zum Verarbeiten/weiteren Erarbeiten des Betrachteten Sujets versehen. Ziele: 1. vornehmlich Kinder aus bildungsfernen Schichten, wie das heute so heißt, ans Betrachten und Erarbeiten von gezeichneten oder gemalten Bildern, Gemälden heranzuführen, ihr Interesse für Ausstellungen, Museen und auch für Geschichte zu wecken sowie ihre Kreativität durch eigenes Tun am Beispiel des Geschauten zu fördern - und 2. die Kunst-& Kulturvermittelnden Lehrer/innen mit Material und Ideen der Vermittlung zu versorgen. Die hatten vorm Ausleihen einer Box einen entsprechenden Lehrgang zu machen. Was hab ich die beneidet! Und die geförderten Kinder auch. Katrin Bergemann, Northeim

Eva-Maria Kösters schrieb am: 29.09.2017 12:11

Eine Methodenbox in der Staatsoper, darüber würde ich mich sehr freuen!!

Franziska Schönfeld schrieb am: 05.10.2017 11:50

Liebe Kommentierende, wow, ich bin ganz begeistert von Ihren vielen Kommentaren, vielen Dank für das Feedback! Aufgrund von diversen Dienstreisen komme ich erst jetzt dazu, Ihnen zu antworten, dafür gleich mit einer guten Nachricht: Ich habe alle Restbestände zusammengekratzt und kann jeder von Ihnen zeitnah eine Box zukommen lassen - herzlichen Glückwunsch! Ich wünsche Ihnen schon jetzt viel Spaß beim Ausprobieren der Methoden und alles Gute für Sie und Ihre Arbeit. Ihre Franziska Schönfeld

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