Dokumentationen

Dokumentation der Tagung »Kultureinrichtungen und Diversität – das Erfolgsmodell?«
21. bis 22. Oktober 2015

Leitung: Andrea Ehlert, Leiterin des Programmbereichs »Kulturmanagement, -politik und
-wissenschaft« und Nina Stoffers, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim.

Wie viele Kulturen braucht eine Kulturinstitution, um aktuelle gesellschaftliche Fragen angemessen reflektieren und bearbeiten zu können? Die zweitägige Fachtagung fragte nach den herrschenden Vielfaltsdiskursen und ihren Chancen und Herausforderungen für den Kulturbereich.

Was ist Diversität?
»Diversity […] basiert auf der Überzeugung, dass die Entfaltung des Menschen wie auch des gesellschaftlichen Lebens durch die Einbeziehung und Gestaltung von Vielfalt, sei es hinsichtlich Alter, Geschlecht, ethnischer und kultureller Herkunft, Behinderung, Religion, Weltanschauung sowie sexueller Orientierung bereichert wird.« (Karakaş 2015) Diversität ist ein Strukturmerkmal der heutigen globalisierten Gesellschaft, d. h. insbesondere die öffentlich geförderten Kultureinrichtungen stehen vor dem gesellschaftspolitischen Anspruch, diverse Strukturen zu schaffen. Die im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) ausdifferenzierten Kategorien von Diversität beinhalten jedoch auch »blinde Flecken«, z. B. die soziale Zugehörigkeit eines Menschen. Tatsache ist, dass jeder Mensch über Mehrfachzugehörigkeiten verfügt (»Patchwork Identity« oder» hybride Identität«). Damit betrifft Diversität uns alle, und nicht nur spezielle Zielgruppen.

Nurten Karakaş: Zur Definition von Diversität
Material: Dimensionen von Diversität
Schaubild Integration_Inklusion_Segregation_Exklusion

Kulturelle Vielfalt ist eine gesellschaftspolitische Aufgabe
Die völkerrechtlichen Grundlagen für die Umsetzung von kultureller Vielfalt sind gegeben: Zu nennen sind: das UNESCO-»Übereinkommen über Schutz und Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen«, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (Art. 27: Kulturelle Teilhabe als Grundrecht), das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG), das »UN-Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen«  sowie die UN-Kinderrechtskonvention. »Kunst, Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei«, so steht es bereits im Grundgesetz (GG Art. 5, Abs. 3). Doch was ist uns diese Freiheit wert? Und vor dem Hintergrund eines möglichen Legitimationsproblems der öffentlich geförderten Kultureinrichtungen: um wessen Freiheit geht es hier eigentlich? Die Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ betonte bereits 2010 den kontinuierlichen Einfluss von Migrationsbewegungen auf die Kultur. Das Erste InterKulturBarometer, durchgeführt vom Zentrum für Kulturforschung 2012, forderte, dass die kulturelle Vielfalt im Land sich in den Angeboten der öffentlich geförderten Einrichtungen widerspiegeln müsse, damit diese gesellschaftlich relevant blieben. Die rechtlichen und empirischen Grundlagen für kulturelle Diversität sind also vorhanden, jedoch finden sie zu wenig Eingang in die Konzepte der deutschen Kulturpolitik. Interkultur muss als kulturpolitisches Programm (statt als temporäres Projekt) implementiert werden! Aber wie?

Prof. Dr. Wolfgang Schneider: Konzeptbasierte Kulturpolitik für kulturelle Diversität

Kultureinrichtungen öffnet euch oder: Raus aus Euren Biotopen!
Es ist also Zeit für einen Perspektivwechsel: Kultureinrichtungen sollten anfangen, über sich statt über die angeblich »kulturfernen« Zielgruppen zu sprechen. Deutlich wird, dass Diversität sich nicht in temporären Sonderprojekten abhaken lässt, sondern einen ganzheitlichen Veränderungsprozess erfordert, der die Einrichtung als Ganzes betrifft und somit kontinuierlich auf und unter Einbeziehung von mehreren Ebenen verhandelt werden muss: auf organisatorischer Ebene, Personalebene und Angebotsebene. Für Kultureinrichtungen ist es sinnvoll, sich zunächst auf bestimmte Diversitätsdimensionen zu fokussieren, um den Öffnungsprozess realisierbar zu machen.

Gerhard Kowar: Diversität in einer Kultureinrichtung implementieren – wie geht das?
Von welchem Diversitätsbegriff gehen wir aus?
Material: Praxischeck Diversität © KulturKontakt Austria
Kurzinterview Roman Schanner

Praxisbeispiel: Das Katakomben Theater in Essen: Kultur ohne Grenzen!
Kurzinterview Uri Bülbül, Katakomben Theater
Praxisbeispiel: Die Ausstellung »Museum der Sinne. Kultur- und Erdgeschichte barrierefrei erleben«, Roemer und Pelizaeus-Museum Hildesheim

»Wir müssen bei uns selbst anfangen«
Diversität wird häufig als »schön und bunt« beschrieben. Doch mit der Forderung nach Diversität werden auch herrschende Machtsysteme in Frage gestellt. Nach Paul Mécheril prägt Rassismus als Strukturprinzip uns alle, d.h. es beeinflusst, welche Eigenschaften wir – bewusst und unbewusst – als »typisch« für andere erachten und welche Bilder und Vorstellungen wir von anderen haben. Die Forschung zeigt, dass rassistische Wissenssysteme eine wesentliche Rolle bei Subjektivierungsprozessen spielen, d.h. Subjektivierungsprozesse sind immer mit der Konstruktion eines »Anderen« verbunden. Stereotype Repräsentationen vermitteln rassistisch strukturiertes Wissen und wirken an der Verfestigung gesellschaftlicher Machtverhältnisse sowie an Inklusions- und Exklusionsmechanismen mit. Kultureinrichtungen bewegen sich nicht im luftleeren Raum und sind somit ebenfalls geprägt von rassistischen Unterscheidungspraktiken. Deshalb ist es wichtig, zu fragen, wie rassisierendes Wissen über die »Anderen« in den jeweiligen Institutionen konkret wirkt (z.B. auf der Ebene der Personalstruktur, den Produkten, den Bildern von den Zielgruppen und den kulturpädagogischen Angeboten). Diversität wird nur lebbar, wenn Kultureinrichtungen bereit sind, die eigenen Strukturen und Denkweisen kritisch zu hinterfragen.

Thomas Blum: Theaterpädagogische Praxis als politische Praxis am Beispiel Rassismus

»Waren Sie schon mal im türkischen Theater?« Erster Zwischenruf von Kenan Kolat (Audio)

Hierarchie der Exklusion
Eine Befragung von Vera Allmanritter zeigt, dass Personen mit türkischem Migrationshintergrund sich in weitaus geringerem Maße in den kulturellen Angeboten in Deutschland repräsentiert und wertgeschätzt fühlten als Personengruppen mit Wurzeln in der ehemaligen Sowjetunion. In diesem Sinne gebe es unter den Gruppen mit Migrationshintergrund eine Art »Hierarchie der Exklusion«, welche die kulturelle Teilhabe für Menschen mit bestimmten Migrationshintergründen noch mehr erschwere als für andere.

Vera Allmanritter: Empirische Befunde zur Diversität von Kultureinrichtungen und zu Möglichkeiten der Ansprache verschiedener Milieus

»Was ist ein Migrationsvordergrund und was hat das mit Diversität zu tun?« Kurzinterview mit Maja Das Gupta

Diversität als Top-Down-Prozess
In Deutschland wird seit 30 Jahren über Diversität in Kulturbetrieben gesprochen, ohne dass entsprechende Instrumente in der Breite eingesetzt werden. In diesem Land besteht ein nachgewiesener Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen, was den Staat auffordern sollte, gegenzusteuern und dafür Sorge zu tragen, dass insbesondere Angebote öffentlich subventionierter Einrichtungen allen Bürger_innen zugutekommen. Ein mögliches Instrument wäre hierbei die Einführung von Zielvereinbarungen. Das Beispiel Großbritannien, wo audience development bereits seit den 1990er Jahren betrieben wird, zeigt, dass Instrumente, die den Kultureinrichtungen vom Staat »zugemutet« wurden, funktionierten. Auf der Basis von Besucherstrukturanalysen lassen sich beispielsweise Zielvereinbarungen formulieren, in denen Kultureinrichtungen aufgefordert sind, den Anteil bestimmter Besuchergruppen zu erhöhen, um nicht eine Kürzung der staatlichen Förderung zu erfahren. Ob eine Nichteinhaltung von Zielvereinbarungen zu sanktionieren ist oder nicht, muss diskutiert werden. Weiterhin ist als Instrument der sogenannte Equity Scan zu nennen, ein Reflexions- und Projektsteuerungsinstrument, mit dem sich überprüfen lässt, welchen Beitrag eine Institution zu sozialer Inklusion leistet. Die Weiterförderung von Kultureinrichtungen könnte beispielsweise von Ergebnissen der Equity Scans nach Diversitätsvorgaben abhängig gemacht werden. Eine weitere Möglichkeit wäre die Einführung einer zwingenden Quote. Um die existierende kulturelle Vielfalt Deutschlands auch in den Kultureinrichtungen widerzuspiegeln, steht der Staat in der Pflicht, diese Haltung durch entsprechende Förderanreize und Instrumente umzusetzen.

Der Vortrag »Ein sozial diverses Kulturpublikum? Erkenntnisse der Nicht-Besucherforschung und Konsequenzen für Kulturpolitik und Kulturmanagement«  basiert auf der Publikation »Nicht-Besucherforschung. Die Förderung kultureller Teilhabe« von Dr. Thomas Renz, welche 2016 erscheint.

»Es geht um strukturelle Veränderungen« Zweiter Zwischenruf von Kenan Kolat (Audio)

 

Weitere Materialien:

Cartoon »Prüfungsaufgabe« © Hans Traxler ­
Graphic Recording © Johanna Benz/Bundesakademie Wolfenbüttel  
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