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Mord in der Mühle
Zwölf Wolfenbüttel-Krimis
Sie alle wussten es: Du sollst nicht töten. Das biblische Gebot gilt seit alter Zeit, und niemand übertritt es ungestraft. Wen die weltliche Gerichtsbarkeit nicht belangt, den zieht die himmlische zur Rechenschaft: Fegefeuer, Hölle, ewige Verdammnis. – "Töten, nun gut, aber wie steht es um das Morden?" fragten sich Anfang März die Krimiautorinnen und –autoren in Doris Gerckes Seminar "Tod kennt kein Gebot oder Irgendeiner stirbt immer – aber wie?" Morden schien die Bibel nicht verboten zu haben, und so gingen die Autoren munter ans Werk mit Gerckes Vorgabe: Der Krimi solle doch in Wolfenbüttel spielen, vielleicht gar etwas mit dem Seminar zu tun haben und möglichst um Leben und Tod gehen. Und er dürfe keinesfalls mehr als 3.500 Zeichen aufweisen. So wollte es die lokale Zeitung, die am 20. März 04 einen der Lokalkrimis exklusiv im "Wolfenbütteler Anzeiger" präsentierte.
Die zwölf Krimis stehen Wolfenbüttel gut zu Gesicht, gleichen sie doch in der Fiktion die Statistik des Landkreises aus, der die niedrigste Kriminalitätsrate Niedersachsens aufweist. Und mehr Arbeit hat die Polizei durch die literarischen Verbrechen auch nicht.
Viel Vergnügen bei der Lektüre der mitunter absurden, häufig süffisanten, aber immer spannenden Geschichten wünscht
Olaf Kutzmutz.
[Bildinfo: Doris Gercke, Autorin der Bella-Block-Krimis, gibt Tipps.]
Die Lesung
Christine Andres
Es war kurz vor acht, als Ruth schnellen Schrittes die hell erleuchtete Schünemannsche Mühle in Wolfenbüttel erreichte. Bereits am Nachmittag hatte leichter Schneefall eingesetzt und die Dächer der Fachwerkhäuser wie mit Puderzucker überzogen. Der eisige Wind trieb Ruth Tränen in die Augen. Ruth versuchte mühsam, ihre innere Erregung unter Kontrolle zu halten. Warum nur hatte er ihr nicht von der Lesung erzählt? Heute Nacht würde sie herausfinden, ob er eine Affäre hat. Sie würde endlich Gewißheit haben. Sie steuerte geradewegs auf das Gästehaus zu und hatte Glück. Jemand hielt ihr die Tür auf, sie huschte hinein. Ruth kannte sich in der Mühle gut aus und stieg die schmale Steintreppe hinauf in die Galerie, zwischen Erdgeschoß und erstem Stock. Hinter der Glastür betrat sie den oberen Rang des Foyers. Sie nahm auf einem Stuhl direkt hinter dem schwarzen Vorhang Platz. Niemand wußte, dass sie hier war. Niemand konnte sie sehen. Leises Flüstern, Lachen. Stühle wurden gerückt. Im Foyer legte sich die Unruhe. Eine kurze Begrüßung, dann begann er mit der Lesung aus seinem neuesten Kriminalroman "Ausgelöscht". Seine sinnliche Stimme las die Textpassagen flüssig, einige zynische Akzente unterstrichen bewußt die besondere Theatralik. Ein Beziehungsdrama. Eine junge Frau und dreifache Mutter gerät in ein Abhängigkeitsverhältnis zu einem Mann, dem sie hörig ist. Dieser Mann will jedoch keine feste Bindung und schon gar keine Verantwortung tragen. Scheinbar einziger Ausweg: ihn zu töten. Ende der Lesung. Applaus. Interview und Gespräch des Autors mit den Gästen. Ruth konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Wie konnte er es wagen, ihre Geschichte zu erzählen? Mit allem hatte sie an diesem Abend gerechnet, nicht aber damit. Fassungslos starrte sie ins Leere. Pein und Scham. Übelkeit breitete sich aus. "Du kennst mich doch", würde er ihr sagen. "Nimm's mit Humor!" Lange Zeit blieb sie einfach nur sitzen. Sie wartete, griff in ihre Handtasche und kramte nach dem Revolver, den sie neben einer Flinte seit Bestehen ihres Jagdscheines besaß. Heute hatte sie ihn mitgenommen. Für alle Fälle. Unten im Foyer waren die Aufräumarbeiten bereits beendet. Die Lichter gelöscht.
Sie erhob sich und ging zielstrebig eine Etage höher. Ruth schritt unsicher mit zittrigen Beinen den langen dunklen Flur entlang. Ihr Herz pochte. Zimmer 111, linke Seite, fast ganz am Ende. Ein Doppelzimmer. Sie kannte es gut. Aus der offenen Zimmertür drang schummriges Licht. Sie ging hinein. Quer auf dem großen Sisal-Teppich lag er da. Regungslos, den Kopf seitlich gedreht. Aus einer klaffenden Wunde am Hinterkopf trat Blut aus. Die Augen starr und offen. Er war tot. Auf dem Boden liegend neben ihm eine Messingstehlampe, vielleicht die Mordwaffe. Auf dem Schreibtisch stand ein Fläschchen mit K.O.-Tropfen. Eine Flasche Sekt und zwei Gläser. Eines voll, das andere leer. Daneben lag ein goldenes Büchlein, Das Hohe Lied der Liebe, aufgeschlagen mit einer Widmung. Für Susanne. In ihrem hatte Für Ruth gestanden. Auf dem Schreibtisch verstreut lagen Fotos einer Fremden mit Kindern, die lachend in die Kamera schauen. Gewißheit. So kam er ihr nicht davon! Sie bebte innerlich. Wütend und erregt richtete sie ihre Waffe auf seinen Kopf. Ein Schuß durchbrach die Stille. Dann setzte sich Ruth auf den Stuhl an den Schreibtisch und legte ihre Pistole darauf. Sie goß sich Sekt in das unbenutzte Glas und trank es aus. Nun atmete sie frei und ruhig. Ausgelöscht, flüsterte sie. Für immer.
Nie wieder Kitsch
Stefanie Bense
Man könnte sie an den mächtigen Deckenbalken des Seminarsaals aufhängen.
Ulf ließ die Kursleiterin plappern und malte sich aus, wie sie vom Balken
baumelte. Mord in der Mühle. Gute Schlagzeile. Titel für eine Story? Etwas
mußte doch bei diesem Krimi-Seminar in Wolfenbüttel herauskommen! Galt
Phrasendrescherei als Milderungsgrund bei Mord?
„Das Gute muß siegen." Die Kursleiterin strich ihre Künstlerlocken
zurück. „Der Leser will das so."
Ulf las gern und viel, aber er wollte das nicht so. Krimi mit Happyend. Total
unrealistisch. Schreiben hieß doch, die Wirklichkeit in Worte zu kleiden und
Phantasie für den Mord spielen zu lassen.
„Realismus hat im Krimi nichts zu suchen, den hat der Leser ja vor der Nase.
Nein, er will in die Story abtauchen und etwas Sensationelles erleben!" Sie
redete sich in Fahrt.
Man könnte sie vor den Zug werfen, die Baustelle des Bahnübergangs lud
geradezu ein. Oder sie vors Auto auf dem Rosenwall stoßen, dort, wo die Kurve
schön unübersichtlich ist. Ulf schaute aus dem Fenster. Es begann zu schneien.
„Und benutzen Sie Worte und Bilder, die der Leser kennt. Nichts ist lästiger,
als über Worte nachdenken zu müssen. Es gibt so viele hübsche, nette
Wendungen ..."
Man könnte sie vom Theaterdach werfen oder besser durch die Glasfront der
Südwestseite, dann würde sie herrlich auf den Mühlbach aufklatschen. Zu
theatralisch. Ulf seufzte. Es war schwer, nur ein Schreibtischtäter zu sein!
Ulf sah, wie die anderen der Runde nickten, lächelten, im Geiste der
Kursleiterin applaudierten. Kitschautoren!
„Lassen Sie Figuren hoch dramatisch handeln. Das ergibt tolle Effekte.
Spannung stellt sich ganz von selbst ein."
Ulf setzte sich auf. Vielleicht ein Kurzschluß ...?
„Appellieren Sie an die Gefühle, schaffen Sie eine gruselige Stimmung,
dann glaubt Ihnen jeder Leser, daß dem Opfer von hinten durch die Brust ins
Auge geschossen wird."
Erschießen? Zu offensichtlich. Ulf grübelte und schaute erst auf, als die
anderen die Stühle rückten und aufbrachen. Er verließ mit der Kursleiterin
als letzter den Raum. Sie hielt sich krumm. Als sie sich streckte, hörte Ulf
etwas knacken.
Auf seinen erstaunten Blick sagte sie: „Marode Wirbel. Darf ich mich bei Ihnen
einhaken?"
Sie gingen durchs Schneegestöber über den Rosenwall zum Restaurant und durch
die Fußgängerzone nach dem Essen wieder zurück. Dabei hing die Kursleiterin
an Ulfs Arm wie eine Eisenfessel. Am Fahrstuhl prangte noch immer das
Defekt-Schild, also stiegen sie die Treppen hinauf. Hereingetrampelter Schnee
schmolz auf den roten Fliesen.
Auf der letzten Stufe strauchelte sie, rutschte weg und griff nach seinem Arm.
Ulf sah alles wie in Zeitlupe: wie ihre Locken flogen, ihre Fingerspitzen seine
verfehlten, als er seine Hand zurückzog, wie sie die Augen aufriß und fiel.
Dann prallte sie auf, keuchte, fiel weiter und knallte an den Treppenabsatz.
Ihre Wirbel krachten. Bewegungslos blieb sie liegen. Ganz still.
So einfach war das?
Expende – Alles mit Bedacht
Helga Bürster
Die Säge dringt in deinen Hals. Du rührst dich nicht. Schnee liegt auf
deiner Nase. Ich säge langsam, mit Bedacht. Das muss dir doch gefallen. "Expende
– Alles mit Bedacht": Dein Wahlspruch. Und der meiner Eltern, die dich
verehrten wie Jesus und die Aktienkurse. Sie wollten, du solltest auch mein
Vorbild sein. Glaub mir. Ich habe es versucht. Ich wollte alles richtig machen.
Aber ich bin nicht bedächtig!
Du schweigst. Meine Eltern haben wenigstens geschrien, als ich sie zersägte. Du
sagst nichts. Selbst jetzt lässt du dir mit Bedacht den Kopf absägen. Kannst
du nicht wenigstens eine menschliche Regung zeigen? Ich lasse die Säge sinken.
Dein Hals bietet mir trotzig Widerstand. Bald wird es hell. Noch bin ich mit dir
allein, und das ist gut so.
Ich muss mich beeilen. Der Mond bescheint schwach dein Gesicht. Die Säge
knirscht hässlich. Dein Mund bleibt starr, deine Augen - nichts. Deine
Selbstzucht war schon immer legendär. Du bist ein Wunder menschlicher
Disziplin. Dabei musst du doch Wunder gehasst haben. Sie sind irrational, mit
dem Verstand, den du so verehrt hast, nicht zu fassen. Sieben Menschen hast du
ermorden lassen, weil sie nicht in dein rationales Weltbild passten. Fahrendes
Volk, Hexen und Zauberer, Menschen wie ich.
Ich bin Zauberer. Ich arbeite mit billigen Tricks. Ich war gut in meinem Beruf.
Die Betonung liegt auf „war"! Die ewigen Gewissensbisse haben mich
zermürbt. Ich bin missraten. Du musst enttäuscht sein, genau wie meine Eltern.
Selbst Jägermeister engagiert mich nicht mehr zu feucht-fröhlichen
Betriebsfeiern. Meine Hände zittern vom Alkohol.
Ich habe alle Chancen vertan, ein „nützliches Mitglied der Gesellschaft"
zu werden. Eine Zierde für Wolfenbüttel. Meine Eltern waren einflussreich.
Alle Wege hätten sie mir geöffnet, dein Vorbild vor Augen, jeden Tag. Sogar
über dem Esstisch. Ein Vaterunser vor jeder Mahlzeit unter deinem mild-strengen
Blick. Ich habe das Bild zertreten und zu dem Fleisch meiner Eltern in die Oker
geworfen.
Ich muss mich setzen. Die Säge steckt in deinem eisigen Hals. Du bist ein
harter Brocken. Selbst deine Zerstörung trägst du mit Würde. Du machst mich
rasend! Ich habe Lust, dich zu schlagen für deine Makellosigkeit. Warst du je
ein Mensch? Hattest du Begierden, Leidenschaften, Schwächen? Vielleicht hätte
ich dich dafür gemocht.
Ich muss weitersägen. Es dämmert. Meine Arme schmerzen. Ich weiß, ich bin ein
Schwächling. Zerstört von der Sucht, von Gewissensbissen, von deinem Blick,
der mich jede Sekunde meines Lebens verfolgt.
Nur noch ein kleines Stück. Es kostet mich alle Kraft, dieses letzte Stück
Hals. Die Säge stößt durch. Dein Kopf knallt auf das Pflaster. Ich trete
zurück. Es sieht komisch aus, dein Standbild, ein kopfloser Friedensfürst –
dummer August. Mit Bedacht lache ich – über dich – endlich.
Mord in der Mühle
Ines Göbel
Ortseingang Wolfenbüttel, ich bin angekommen. Mein Rücken schmerzt. Nun zur Mühle, ein Krimiseminar in der Bundesakademie „...Einer stirbt immer", hoffentlich nicht ich. Mein Gott, diese Kreuzungen, ich seh‘ nicht durch, bremsen, verdammt, den da von rechts hab ich nicht gesehen, er droht mit der Faust. Ich lächele entschuldigend. Sorry, sorry. Bin doch nicht von hier. Er kennt kein Pardon, fährt dicht hinter mir, ein türkisfarbener Mitsubishi, glaube ich, Kennzeichen BW...
Er schaltet die Warnblinkanlage an. Es ist doch nichts passiert, was will er?
Ich biege einmal rechts, dann noch einmal rechts ab, vielleicht kann ich ihn
abhängen, nein er ist wieder da, jetzt links, wieder rechts. Ich werde panisch,
umklammere das Lenkrad. Wohin? Tief einatmen, ich werde anhalten müssen, fragen
was er will. Rosenwall, hab ich Rosenwall gelesen? Die Mühle, eine Brücke, ich
halte an, sehe mich blass im Rückspiegel. Er steigt sofort aus. Klein, dürr
und gelbzähnig, graues kurzes Haar. Die Augen unter den Brauen verborgen. Sie
haben mir... Ich weiß, es tut mir leid, sorry. Nichts da, er wird energisch,
sie folgen mir zur Polizei.
Ich steige aus. Rufen sie doch die Polizei, sage ich, wenn es so wichtig ist,
ich warte. Er nimmt ein Brillenetui aus der Tasche, tippt imaginäre Nummern
ein, spricht etwas. Wir fahren zur Wache, steigen sie bei mir ein. Niemals! Ich
will in mein Auto, er hält mich fest, ich werde wütend, die Angst ist es auch,
reiße mich los, falle. Hebe einen Stein auf. Er greift in seine Jackentasche,
ich werfe entschlossen, er fällt, bleibt am Brückenrand liegen. Ich trete nur
einmal, er ist leicht, es gibt ein klatschendes Geräusch in der Oker.
Das Brückengeländer ist kalt unter meinen zitternden Fingern. Ein Mann
kommt über die Brücke. Kommen sie, er führt mich in die Mühle. Polizei? Er
bringt mir einen Kaffee, ich sage nichts, trinke langsam. Nach einer Weile ein
einstimmiges Klatschen, dann werden es mehr. Ich schaue hinauf, sie stehen auf
der Empore. Wunderbar, sagt eine blonde Frau, sie haben wie im Krimi reagiert.
Ein Mann kommt herein, in eine Decke gehüllt, eine Pfütze bildet sich unter
seinen Schuhen.
Herzlich Willkommen zum Seminar „Der Tod kennt kein Gebot ..."
Alles hat ein Ende …
Frank Gundermann
Es war ein pikanter Fall. Das war Kommissar Fettköter und seinem Assistenten
Cabanossi sofort klar. Das Opfer lag im Frühstücksraum der Schünemannschen
Mühle und war mit einem tiefgefrorenen Knoblauch-Bockwürstchen erdolcht
worden. Danach hatte es der Täter mit dem Konzertflügel überrollt und mit dem
chinesischen Gong bearbeitet. Das Opfer, nicht das Würstchen.
Als Todesursache stellte der Pathologe Fußpilz fest. Den hatte der Tote
anscheinend durch die Knoblauch-Wurst bekommen. Kein Wunder, fand Kommissar
Fettköter als er auf dem Schlossplatz nach Tatspuren suchte, aber nur eine
leere Milchtüte fand. Schließlich handelte es sich bei der Leiche um einen
Vegetarier. Es war Kunstprofessor Willi Wichtel, der Erfinder der vegetarischen
Aktionskunst, der an der Wolfenbütteler Bundesakademie die Tagung des „Bundesverbandes
der Vegetarischen Aktionskünstler" leitete. Momentan war ihm dies jedoch
nicht möglich, weil er tot war.
Da die Tagung unter dem Titel „Nein zur Fleischeslust!" stattfand und
gegen den Verzehr von Fleischwaren gerichtet war, vermutete Fettköter den
Täter bei den städtischen Elektrizitätswerken. Assistent Cabanossi
widersprach. Da die beiden nicht weiter wussten, konsultierten sie eine
Wahrsagerin. Während der zweiminütigen Sitzung, die lediglich 5000 Euro
kostete, erfuhren sie, dass für den nächsten Tag schönes Wetter angekündigt
war und die Erde rund ist. Diese wichtigen Erkenntnisse halfen ihnen weiter. So
vermutete Kommissar Fettköter, dass die Knoblauch-Wurst durch die Erdrotation
schwerelos geworden sei und als Irrflieger Professor Wichtel getroffen habe.
Cabanossi gab zu bedenken, dass dies dann aber auch für den Flügel und den
chinesischen Gong gelten müsse. Daraufhin war der Kommissar ratlos.
Um die Ermittlungen voranzutreiben, beschlossen sie im kriminalistischen
Handbuch nachzusehen. Das einzige Buch, das sie jedoch im Büro fanden, war ein
Ratgeber für Schwangerschafts-Gymnastik. Als der Polizeipräsident herein kam
und die beiden auf zwei Decken liegend bei Beckenboden-Übungen erwischte, gab
es einen Riesen-Anpfiff. Da half auch die Ausrede nicht, dass sie ihr Handbuch
nicht finden konnten.
Unter der Androhung in den Polizeichor strafversetzt zu werden, machten sich
Fettköter und Cabanossi auf den Weg zur Schünemannschen Mühle, um die
Tagungsteilnehmer zu befragen. Die waren allerdings schon abgereist.
Da sie dem Präsidenten trotzdem einen Erfolg vorweisen wollten, verhafteten sie
in der Lessingstraße einen anthrazitfarbenen Pudel, der an den Bordstein
pinkelte, wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses.
Beim Verhör des Pudels stellte sich heraus, dass dieser aus Österreich illegal
eingewandert war und eine verbotene Hundepfeife mit sich führte. Das kam den
beiden Kriminalisten verdächtig vor. Bevor sie die Befragung fortführten,
tranken Fettköter und Cabanossi in der Kantine fünf Liter Kaffee und sangen
„Alle Vöglein sind schon da".
In den nächsten 22 Stunden gestand der Pudel dann. Er war wurstsüchtig.
Täglich hatte er die Wurstabfälle der Bundesakademie aus der Mülltonne
entwendet und in seiner Hundepfeife geraucht. Bis Professor Willi Wichtel alle
Fleischwaren verboten hatte. Im Wurstwahn war der Pudel in die Küche
eingebrochen, wobei ihn der Professor überrascht hatte. Es folgte der tödliche
Knoblauch-Bockwürstchen-Kampf. Der Pudel plädierte auf Notwehr und wurde nach
Österreich abgeschoben. Und so blieb Fettköter und Cabanossi nur eine
Erkenntnis: Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei.
Wiedersehen
Sabine Hartmann
„Könnten Sie mir noch ein wenig mehr Knoblauchsoße?"
Ich nickte und sah nicht auf. Schon nach den ersten Silben hatte ich ihn
erkannt. Carsten. Ich reichte ihm den Döner, nahm das Geld und wartete.
Vergeblich. Er wandte sich ab. Was hatte ich erwartet? Personal hatte er schon
immer nur wahrgenommen, wenn es ihm in den Kram passte. Ich betrachtete ihn, die
langen Beine, den Gang, seinen Hintern. Im Jeansstoff zeichnete sich hell die
runde Form eines Kondoms ab. Manche Dinge ändern sich nie. Ich schluckte,
hängte meine Schürze an den Haken und sagte: „Imad, übernimm du, ich muss
was besorgen." Imad maulte etwas Unwilliges. Doch ich eilte zur Tür hinaus
und folgte Carsten die Krambuden hinunter.
Was wollte er in Wolfenbüttel?
Er hatte den Döner vertilgt und kickte das Papier gegen die Hauswand. So hatte
er mich letztes Jahr auch abgelegt. Plötzlich dämmerte es mir. Zur
Bundesakademie. Carsten besuchte ein Seminar. Zielstrebig ging er zum Eingang,
tippte die Nummer in den Türöffner. Er nahm den Fahrstuhl. Im zweiten Stock
stieg er aus. Er sah zu mir hinab. Doch auch ohne Schürze erkannte er mich
nicht. Unschlüssig stand ich vor dem Haus. Mein Blick fiel auf ein Plakat. „Doris
Gercke liest am Samstag um 20.00 Uhr aus ihrem neuen Roman „Tod im
Lessinghaus". Wer auch immer diese Gercke war, mit ihrer Hilfe würde ich
Carsten wiedersehen.
Samstagabend nahm ich die kleine Pistole aus der Schublade, in der Imad die
Stahlkassette mit dem Wechselgeld stehen hatte. Ich betrat die Mühle im letzten
Moment. Die Gercke hatte ihr Buch schon aufgeschlagen. Carsten saß in der
ersten Reihe. Er flüsterte mit seiner Nachbarin, lachte laut. Die Wörter
rauschten an mir vorbei. Carstens Stimme, die eine Frage stellte, erinnerte mich
an meinen Plan. Ich stand auf und ging zur Toilette. Niemand bemerkte, dass ich
im Treppenhaus nach oben schlich. Ohne Licht zu machen, setzte ich mich in eine
Ecke und wartete.
Ich musste lange warten. Dann kam er. Aber nicht allein. Eine Frau war bei ihm.
Er flüsterte ihr etwas ins Ohr, verschwand kurz in seinem Zimmer und ging dann
zu ihr hinüber. Ich hörte sie schäkern, bevor die Tür zufiel. Meine Hände
zitterten. Der Scheißkerl. Dem ging es immer nur um Sex. Rein, raus,
körperliche Befriedigung. Ich hasste ihn dafür. Als ihre Tür aufging, tastete
ich nach meiner Waffe. Er hatte seine Klamotten unter dem Arm und huschte über
den Flur. Ich sprang auf. Als er mich neben sich bemerkte, erschrak er.
„Geh rein!"
„Was wollen Sie?"
„Mach Licht an." Ich drängte ihn ins Zimmer, hielt die Waffe in der
Hand.
Er blinzelte ins Licht, sah bestürzt auf die Pistole. Ich sagte nichts. Er wich
einen Schritt zurück und sah mich fragend an. Dann blitzte Erkennen in seinen
Augen.
„Robert?"
Ich nickte. „Du warst bei einer Frau."
Er hob abwehrend die Hände. „Das mit uns war ein Irrtum. Ich bin nicht …"
„… schwul?", ergänzte ich für ihn. „Schade", sagte ich,
angelte das Kissen vom Bett, drückte ihm die Waffe in den Bauch und schoss
durch das Kissen. Er taumelte, sank zusammen. Ich rannte weg. Die Pistole warf
ich in die Oker. Ich war schon fast zu Hause, als die ersten Sirenen ertönten.
Fantasiekinder
Anne Hassel
Gisa ärgert sich.
Mit der einen Hand hält sie den Schirm, mit der anderen zieht sie den Koffer
hinter sich her. Zum nächsten Kurs würde sie nicht so viel mitnehmen. Drei Mal
ist sie nun in Wolfenbüttel und wieder sucht sie die Schünemannsche Mühle.
Altes Gedächtnis, das sich nicht vorschreiben lässt, was es zu behalten hat.
Sie liest ‚Rosenwall’, läuft langsamer und als sie die Tür des
Gästehauses öffnet, wird sie beiseite geschoben. Einfach so. Keine
Entschuldigung, nichts. Gisa riecht ein blumiges Parfüm, als sie hinter der
anderen an der Anmeldung steht, diese den Schlüssel vor ihr erhält, in den
Aufzug geht und trotz Gisas „Halt! Ich will auch mit!", nach oben
verschwindet.
„Ist hier noch frei?", fragt die, die sich vorgedrängt hat, als Gisa
später im Tagungsraum auf den Beginn des Seminars wartet.
„Ja", antwortet sie.
Sonst nichts, obwohl sie gerne redet. Sie schlägt die auf Papier gedruckten
Gedanken auf. Ihr Nachname fängt mit ‚A’ an. Sie liest als Erste ihre
Geschichte, weiß, das ist die beste, die ihr je gelungen ist. Liebt die von ihr
geschaffenen Personen, die sie ihre Kinder nennt. Vor allem Iris, ihre
Hauptfigur. Lebt schon eine ganze Weile mit ihr. Gisa kann Kritik ertragen.
Konstruktive. Keine, die ihre Wesen angreift.
„Das ist das Unmöglichste, das ich bisher gehört habe. Deine Personen
handeln total unglaubwürdig. Fällt dir das nicht selbst auf? Und deine
Protagonistin, diese Iris, ist ausgesprochen dumm! Merkst du das nicht?",
sagt die, die neben ihr sitzt. Fügt leise, nur für Gisa hörbar hinzu: „Die
Geschichte taugt nicht mal für einen Volkshochschulkurs."
Der Zeigefinger mit dem rotgefärbten Nagel fährt auf dem Text hin und her.
Gisas Augen tränen. Sie ballt die linke Hand zur Faust, die rechte mit dem Kuli
zittert. Sie hört nicht, was die anderen sagen, erinnert sich nur an das
Lachen.
Das Abendessen schmeckt ihr nicht. Nicht einmal die mit Käse gefüllten
Kartoffeltaschen. In der Nacht dreht sie sich von einer Seite zur anderen. Sieht
in den kurzen Traumphasen ihre demaskierten Fantasiegeschöpfe.
Iris weint.
Gisa hält die, die sich vorgedrängt hat, am nächsten Morgen nach dem
Frühstück auf.
„Hast du schon alle Räume der Mühle gesehen?", fragt sie.
„Nein! Sind die denn so toll?"
Die andere will weg. Die Zunge leckt über die Lippen, Marmeladereste aus den
Mundwinkeln verschwinden.
„Ja! Vor allem das Theaterdach! Das musst du dir anschauen", sagt Gisa.
Die andere blickt auf die Uhr. „Große Lust habe ich nicht und ... ist
überhaupt Zeit? Der Kurs beginnt gleich."
„Es dauert nicht lange. Du spielst doch Theater. Hast du das nicht gestern bei
der Vorstellung gesagt? Und später sind wir noch mehr im Stress. Komm!"
Ein kurzes Zögern. Gisa geht voraus zum Aufzug. Im dritten Stockwerk steigen
sie aus.
Iris begleitet sie.
Aber die andere weiß das nicht.
Türen auf, den Gang entlang, Wendeltreppe aus Eisen hoch zum Theaterdach. Kalt
ist es hier. Und hell. Gisa betrachtet teilnahmslos den schmalen, langen
Rücken, wie sich die andere in das Eck mit den Kleidern beugt.
„Na ja, so umwerfend ist das auch nicht. Ich habe mir alles größer
vorgestellt", sagt die andere, läuft nach links, sieht hinunter zur Oker.
Gisa steht vor dem bis zum Boden reichenden Fenster auf der rechten Seite.
Iris öffnet es.
„Vielleicht gefällt dir der Blick von hier aus. Das Schloss und die
Fachwerkhäuser kannst du gut erkennen", sagt Gisa.
Iris schiebt den Riegel beiseite.
Gisa spürt den Atem der anderen an ihrem Hals. Tritt zwei Schritte zurück.
„Du musst weiter vor", sagt sie. „Noch etwas, sonst kannst du nichts
erkennen."
Es ist Iris, die stößt.
Die Prüfung – Tod in der Mühle
Marina Lechelt
Nach ihrer Ankunft in der Schünemannschen Mühle (niemand schöpfte
Verdacht) begab sie sich sofort auf ihr Zimmer. Sie zog den Umschlag, den ihr
der Meister am gestrigen Abend feierlich übergeben hatte, aus der Manteltasche.
Mit einem kleinen Dolch schlitzte sie die linke Seite auf und entnahm die
Aufgabe. Der Meister hatte selbst geschrieben. Sie meinte, seine sonore Stimme
zu hören: „Schwester Lilith. Deine Prüfung beginnt jetzt. Die Aufgabe
lautet: Bringe dem Herrn der Finsternis das höchste Opfer dar aus dem Kreis der
Frevler. Töte, Lilith! Töte. Und wähle das Opfer gut!"
Ja! So würde es geschehen! Aus ihrem Koffer holte sie eine schwarze Decke, die
sie über den Schreibtisch breitete, in die Mitte stellte sie eine
Messingschale, in die sie das Schreiben legte. Ihre Hände zitterten, als sie
ein Streichholz entzündete und die Prüfungsaufgabe ansteckte. Leise Gebete
folgten den Rauchschwaden. Lilith bereitete sich vor zu töten.
Endlich würde sie dazugehören, zu dem Kreis der Eingeweihten. „Tod kennt
kein Gebot"! Welch ein Irrtum. Die Bundesakademie in Wolfenbüttel wagte
viel mit diesem Titel für einen Schreibkurs. Das würden sie schon sehen,
leider zu spät.
Der Nachmittag zog sich hin mit Schulung. Wie nebenbei beobachtete sie die
Anwesenden. Die Aufgabe schloss die Auswahl des Opfers ein, und im Grunde war
dies der schwerste Part. Nichts wäre leichter gewesen, als mit ihrem Dolch so
nebenbei den Hausmeister, die Sekretärin oder den Lehrgangsleiter in die
Prüfung einzubeziehen, doch waren das diejenigen, die erwählt waren?
Die beiden Männer des Kurses schrieben recht unterhaltsam. Aber sie wollte fair
sein, und auch ihnen eine Chance geben. Eine Teilnehmerin schrieb über
Depressionen. Ein Hinweis? Da spielte ein Krimi im Kirchenmilieu – das kam
ihrem Betätigungsfeld sehr nahe. Und eine Teilnehmerin arbeitete mit einer
Katze. Jeder wusste, dass Katzen des Teufels waren. Ein Zeichen? Beinahe alle
hatten einen Mord auf dem Gewissen – einen literarischen zwar, aber so ganz
unschuldig waren sie nicht mehr. Wen sollte Lilith wählen? Ihre Hand fand die
schwarze Perle ihrer Kette, das Symbol ihres Ordens. Und kurze Zeit später, sie
waren auf dem Weg zum Mittagessen, kam die Wendung.
"Sind alle dreizehn anwesend?", fragte der Lehrgangsleiter. Dreizehn! Oh, Herr der Finsternis. Der Fingerzeig! Bis Mitternacht musste sie sich noch gedulden. Nach einer kurzen Meditation auf ihrem Zimmer nahm sie die Teilnehmerliste. Aus ihrer Silberkette mit der einen schwarzen Perle wurde ein Pendel. Lange ließ sie es über die Namen der Erwählten kreisen. Wen würde das Schicksal treffen? Sie schloss die Augen, sie betete ein wenig, sie hörte noch einmal die Worte ihres Meisters, sie sah die Gesichter der Menschen, die ihr in den letzten Tagen nahe waren. Das Pendel fiel. Lilith zögerte lange, bevor sie einen Blick wagte. Es war entschieden.
Wer die Idee mit dem Dachboden hatte, war später nicht mehr festzustellen. Einen Mord planten sie, oben im Theaterraum, für einen Krimi, und Lilith dachte, wenn ihr wüsstet! Alle dreizehn waren nach oben gestürmt, so als könnten sie gar nicht abwarten, bis es an ihr Leben ging. Lilith erkannte sofort, dass dies der Ort der Prüfung war. Nur welches Mittel könnte sie hier wählen? Den Dolch? Die kleine Phiole mit Gift? Sie näherte sich dem Giebelfenster, das den Blick weit, weit frei gab über Wolfenbüttel. Eine willkommene Ruhe hüllte sie ein. Fast unbemerkt öffnete sie das große Fenster.
Wiedersehen in Wolfenbüttel
Heidi Rehn
„Du als Cheflektor? In meinem Verlag?" Sie lachte ihm mitten ins
Gesicht. „Das ist nicht dein Ernst."
Seine Mundwinkel zuckten. Es entging ihr nicht, trotz des fahlen Lichts. Sie
lehnte sich nach hinten, bis sie den Rand der niedrigen Brüstung an ihrem
Gesäß spürte. Das Fenster stand offen. Von unten drang das Rauschen der Oker
herauf. Sie legte den Kopf in den Nacken und sah hinaus in den Nachthimmel. Ein
Luftzug streifte ihre Wangen. Drinnen im niedrigen Raum staute sich die
Sommerhitze.
„Warum nicht?"
Seine Beharrlichkeit amüsierte sie. Bislang hatte keiner gewagt, noch einmal
nachzufragen. Er war der Erste. Er war auch der Erste, der wiedergekommen war in
eines ihrer Seminare. Das fand sie interessant. Sie richtete sich vor ihm auf,
sah ihm in die Augen.
„Vergiss es", sagte sie.
Er wollte sich eine Zigarette anzünden. Als er das Streichholz herausholte,
bemerkte sie das Zittern seiner Hände. Sie nahm ihm das Zündholz weg. Rauchen
war auf dem Theaterdach, dem Dachgeschoss der alten Schünemannschen Mühle,
verboten. Theaterdach, der Name passte: Wie oft wurde hier Theater gespielt.
Nicht nur während der Seminare. Und nicht nur von Theaterleuten. Sie
schmunzelte bei dem Gedanken an ihr letztes Treffen hier oben.
„Okay, es war gut. Ja, es war gut mit dir. Aber nun ist es aus.
Endgültig."
Ihr Blick wanderte an ihm vorbei durch den langgestreckten Raum. In der
Dämmerung wirkten die Dachbalken gewaltig. Die Tische und Stühle auf der
gegenüberliegenden Seite duckten sich darunter. Im Schein des Monds erstrahlte
der Parkettboden.
„So einfach geht das nicht. Nicht mit mir."
Er trat näher an sie heran. Sie sah die Schweißperlen auf seiner Oberlippe,
spürte seinen Atem ihren Hals kitzeln. Er packte sie an den Schultern.
„Du hast es mir versprochen. Du bist mir den Lektorenjob in deinem Verlag
schuldig."
„Vergiss es!", wiederholte sie und lachte abermals auf, befreite sich von
seinen Händen. „Typen wie dir bin ich nie etwas schuldig."
Mit seinem kräftigen Körper drängte er sie nach hinten. Sie versuchte
auszuweichen, wurde gegen die Brüstung gedrückt. Das Mondlicht spielte auf
seinem ebenmäßigen Gesicht. Er war schön, keine Frage. Aber er besaß keinen
Funken Verstand. Sie hätte es wissen müssen, gleich als sie seinen Namen
wieder auf der Teilnehmerliste gelesen hatte.
„Wo käme ich hin, wenn ich Typen wie dich immer gleich zum Cheflektor
machte?"
„Du hast es mir fest versprochen", wiederholte er.
„Was verspricht man nicht alles in solchen Momenten?", antwortete sie.
Seit mehr als fünf Jahren hielt sie an der Bundesakademie ihre Seminare zum
Verlagswesen. Seit mehr als fünf Jahren ertrug sie dabei Typen wie ihn. Seit
mehr als fünf Jahren wiederholte sich das immer gleiche Spiel. Es begann sie zu
langweilen. Er begann sie zu langweilen.
„Lass mich gehen", sagte sie.
„Ich werde allen erzählen, was du mit mir getrieben hast. Ich werde dich
bloß stellen vor dem ganzen Seminar." Seine Stimme bebte vor Zorn.
„Tu, was du nicht lassen kannst. Du machst dich damit selbst
lächerlich."
Er ballte die Hände und senkte den Blick auf den Boden vor ihren Füßen, als
habe er dort etwas entdeckt. Unverhofft bückte er sich.
Es ging alles ganz schnell. Überrascht spürte sie den Griff an ihren Fesseln,
fühlte sich hochgehoben, nach hinten geschoben. Weit über die Brüstung hinaus
in die erfrischende Kühle, hinab ins Rauschen der Oker.
Gerade hatte sie begonnen, ihn wirklich interessant zu finden.
Tod kennt kein Gebot oder
Nur eine Patrone
Manfred C. Schmidt
Plötzlich ist sie fort. Sie hat mich verlassen. Weg! Einfach weg!
Aber, es ist ja auch kein Wunder:
Arbeit, Arbeit, Arbeit! Termine, Termine, Termine!
35-Stundenwoche? Eher 35-Stundentag. Da bleibt nichts an Freizeit.
Schlaf? Fehlanzeige. Valium nutzt nichts, allenfalls Haldol. Und um wieder fit
zu werden – mother's little helper.
Zucken an den Augenlidern, in den Mundwinkeln. Augengeklimper. Fingergetrommel.
Ich springe auf, setz' mich, springe wieder auf. Kaum ist ein Auftrag erledigt,
liegt der nächste schon bereit.
Selbstredend, dass sie dabei verschwinden musste. Ich habe Tränen in den Augen.
Ich – ein Kerl wie ein Baum – von jetzt auf gleich – Nervenzusammenbruch.
Und ich habe keine Ahnung, wo sie steckt. Wahrscheinlich beim Chef! Dieser
Halunke! Sicher lacht er noch über mich. Die Sekretärin steckt bestimmt mit
ihm unter einer Decke. Die mit ihrem roten Terminkalender.
Den Rest gibt mir die Durchführung des Seminars in der Schünemannschen
Mühle: „Tod kennt kein Gebot! Irgendeiner stirbt immer – aber wie?"
Was für ein Titel. Da sitzen sie dann, die dreizehn Autoren und Autorinnen und
überlegen, wie sie ihre Opfer um die Ecke bringen können, wie sie anderen
Menschen Leid zufügen können, diese Papiertiger. Das hat mir gerade noch
gefehlt. Das hat er mir auch noch reingedrückt, mein Chef. Ich bin am Ende!
Am Ende? Neeeiiin, nicht am Ende! Nicht mit mir! Dem werde ich es zeigen. Ich
werde sie mir zurückholen. Tod kennt kein Gebot!
400 Euro und die Knarre mit einem Schuss Munition wechselt im „Silberdollar"
am Wolfenbütteler Bahnhof den Besitzer. Ein Schuss, das sollte ausreichen.
Ich eile durch die Fußgängerzone am rauschenden Wasser entlang zurück in
die Schünemannsche Mühle. Rosenwall 17 – ich vertippe mich zweimal bei der
Eingabe des Öffnungscodes am Eingang. Die Knarre hängt schwer in der
Jackentasche und beult sie aus. Ich drücke mich links an der Wand entlang in
Richtung Seminarraum. Hier sind bereits Sitzgruppen und Vortragstisch mit
Mikrofon für die angesetzte Lesung „Tod kennt kein Gebot!" aufgebaut.
Natürlich hängt das Schild „Bundesakademie für kulturelle Bildung –
Wolfenbüttel" noch nicht. Wenn man nicht alles selbst macht. Ich
verheddere mich in den Befestigungsseilen. Ich stolpere. Das Schild schlägt auf
den Boden. Ein Höllenkrach. Leise versuche ich mich davonzumachen. Ich
schleiche vorsichtig zum Ausgang. Einfach davonmachen. Weg. Weg. Weg. Ich habe
die Klinke in der Hand.
Doch mein Chef spürt mich sofort auf. Hinter ihm tänzelt seine Tippse. Sie
schwenkt natürlich den Terminplaner vor sich her.
Ich weiche aus ins Freie, auf die Terrasse.
Sie folgen mir unerbittlich im Gänsemarsch – Chef, Terminplaner, Tippse.
Tod kennt kein Gebot!
Unter mir sprudelt wild die Oker.
Irgendeiner stirbt immer!
Sie kommen näher. Sie kommen direkt auf mich zu. Mit zittrigen Händen hebe ich
die Knarre. Nur eine Patrone, nur eine einzige.
Sie kommen immer näher!
Ich drücke ab. Das Geschoss durchschlägt alle drei: Meinen Chef, das
Terminbuch und die Sekretärin.
Aber sie ist wieder da. Sie ist zurück! Ich habe sie endlich wieder. –
Ich habe endlich wieder meine Ruhe!
Diese Erfahrung
Sandra Miriam Schneider
Vom Bahnhof in Wolfenbüttel geht er in Richtung Schlossplatz. Direkt zu
seinem Haus. In der linken Hand die Blumen. Zweimal tritt er gegen tote
Weihnachtsbäume, die in Schräglage und halbverschneit am Straßenrand liegen.
Leblose Kinderkreisel.
Schon von weitem sieht er, dass das Eingangstor geschlossen ist. Hier lebte,
schrieb und dichtete er.
Am Tor ist ein gelbes Schild angebracht. Wegen Umbauarbeiten aus
Jubiläumsgründen geschlossen. Auf dem Briefkasten rechts liest er: Hier wohnt
Borgman.
Er bleibt eine Weile stehen und sieht durch die Torpfosten. Vier kleine
Buchsbaumhecken, geschmückt mit winterkargen Rosenbäumchen. Labyrinthe für
einen einfachen Verstand. Die Abstände der einzelnen Torpfosten sind so schmal,
dass er nicht mit beiden Augen gleichzeitig durchsehen kann. Er denkt an
Winterschlaf und an die Locke unter Glas im Inneren des Hauses.
'Sieh nur, da hat jemand eine Locke von deinem Haar abgeschnitten und hier
hineingelegt.' Das war seine lachende Mutter. Das war vor langer Zeit.
Er geht rechts um das Haus herum. Berührt an einer bestimmten Stelle mit seiner
linken Wange die Mauer. Wartet, bis seine Wange die Temperatur der Mauer
aufgesogen hat. Dann legt er die Blumen in den Schnee und geht bis zur
Bibliothekstreppe.
Am oberen Ende steht eine Frau. Ohne Mantel. Mit hochgezogenen Schultern.
Sie raucht. Er weiß, wer die Frau ist. Sie war immer in seinem Haus. Er geht
direkt auf sie zu, bleibt aber zwei Treppenstufen unter ihr stehen.
Sie sagt 'Wieso haben Sie Blumen dort hingelegt?'
'Das Haus ist verschlossen.'
'In zwei Monaten machen wir wieder auf, wussten Sie das nicht?'
'Die Blumen sind für meine Frau. Ich musste sie heute vor einem Jahr für immer
verabschieden.'
Sie sieht ihn an.
'Nur wenige Tage, nachdem unser Sohn gestorben ist. Er wurde drei Tage alt. Und
ich verlor ihn so ungern, diesen Sohn. Denn er hatte soviel Verstand.'
Die Frau zieht an ihrer Zigarette.
'Denn war es nicht Verstand, dass er die erste Gelegenheit ergriff, sich wieder
davon zu machen?'
Die Frau betrachtet ihre spitz gefeilten Fingernägel. Er blickt in Richtung
Blumen.
Was er sieht sind Apfel-, Birnen- und Kirschbäume. Eva hat sie gepflanzt.
Hochschwanger. Die Frau sagt 'Ich kenne Sie. Sie waren schon oft hier.'
'Es gab keine andere Möglichkeit.'
Sie lacht. 'Es ist weiß Gott kein Verbrechen, Blumen in den Schnee zu legen.'
Sie zündet sich eine neue Zigarette an. 'Aber für Ihre Frau und Ihren Sohn tut
es mir leid.'
Für den Bruchteil einer Sekunde sieht er beide im Schnee. Dann sieht er das
große Wort, das auf der Bibliothekstür angebracht ist: GEH.
Er geht die Treppen hinunter, nickt den Löwen zu, dreht sich noch einmal um.
'Wenn ich mit der einen Hälfte meiner übrigen Tage das Glück erkaufen
könnte, die andre Hälfte in Gesellschaft dieser Frau zu verleben, wie gern
wollte ich es tun.'
'Ich kenne Sie.' sagt sie leise.
Er geht zurück zum Haus. Alle Fenster sind mit grünen Holzfensterläden
geschlossen. Die Läden reichen nicht bis ans obere Ende der Fenster. Sie lassen
sich nicht ganz verschließen. Er denkt daran, dass er beiden als erstes die
Augenlider zugeklebt hat. Dann die Hände zusammengebunden (auch dem Baby). Dann
seine Hände fest um den Hals gelegt.
Er geht zurück zu den Blumen. Ein leichter Schneeflaum ist auf ihnen gewachsen.
Diese Erfahrung habe ich nun auch gemacht, denkt er, und geht zurück zum
Bahnhof.
Knacksmühle
Elke A. Sommer
Herma reist, Herma schreibt, Herma ist die Beste.
Kochel Schnee. Leipzig Schneeregen. Wolfenbüttel nur Regen.
Die Betonung liegt auf nur. Nur Wassergerausch von oben und unter der
Schünemannschen Mühle durch. Sie hätte nicht herkommen sollen.
Am Empfang tippt sie auf ihren Namen, versucht ein Lächeln. Die Oberlippe gibt
das Zahnfleisch frei. Frau – "Oehlmann" liest Herma auf dem Schild
an der Bluse – zeigen, wo es langgeht.
"Bei dem Wetter sieht jeder aus wie ein Ratz, gell?" sagt Herma,
nimmt den Schlüssel und hievt den Koffer in den Aufzug. Wo andre Frauen Fön,
Tiegel, Kleider in die Koffer stopfen, packt Herma ihre Standards ein. Zwei
Nachschlagewerke, groß wie Tabletts. Ohne dies ständig verfügbare Wissen,
fühlt sich Herma nackt.
Im Seminarraum, Luft über den Köpfen bis zu den Balken, kommt ihr ein Gesicht
bekannt vor. Es gehört zu einem Körper, armseliger als ihr eigner. Hermas
Oberlippe gibt das Zahnfleisch frei. Der Gruß gilt Dr. Kutzmutz. Neben ihm, die
Dozentin. Warum fehlt ihr Schild? Schlamperei. Sich ins Gedächtnis dieser
Namenlosen zu schleichen, kann nicht schaden. Herma setzt sich neben die blonde
Frau und sagt:
"Na, dann zeigen Sie mal, was Sie draufhaben."
Der mit dem Gesicht, das ihr bekannt vorkommt, steht auf und verläßt den Raum.
Am Gang erkennt ihn Herma, den Stümper von Kochel. Solltest du nicht lieber
häkeln? Ihre Frage, als der seine Geschichte fertig gelesen hatte.
"Fangen Sie an?" fragt jetzt die Dozentin und richtet unangenehm wache
Augen auf Herma, "warum mein Seminar? Was interessiert Sie am Tod?"
Erst mal wünsch ich dir denselben, denkt Herma, fällt ihr doch weder ein, wie
die Helläugige heißt, noch das Seminar. Zurückgeworfen fühlt sie sich in die
verhaßte Zeit, in der sie auf einem Stuhl herumrutschte und nichts wußte, und
in der sie sich schwor: Mit ihr nicht. Nie wieder.
Sie schlägt die Standards auf, blättert, sucht, was sie darin nicht finden
kann. Ihr ist übel.
Eine mit Fön im Gepäck klärt Herma auf:
"Tod kennt kein Gebot oder Irgendeiner stirbt immer – aber wie?"
Die Teilnehmer grinsen. Sieh da, auch dieser Kutzmutz? Nicht mit ihr.
Im Lauf des Vormittags packt Herma Kommentare aus, wie:
"Kunst ist kein Wort aus dem Bayerischen, meine Liebe, aber du Kunst mich
trotzdem verschonen mit deinen Ergüssen."
Ein Teilnehmer nach dem andern geht zur Toilette. Um halb zwölf sitzen nur noch
drei Personen im Raum: Herma, Doris Gercke, endlich hat die ihr Schild
hingestellt, und Kutzmutz.
"So geht’s nun nicht" sagt der jetzt. Kein Lächeln, nur Tropfen auf
der Stirn. Doris Gercke schaut aus unangenehm wachen Augen.
"Das find ich auch", sagt Herma, "Sie wollten uns das Theaterdach
zeigen. Bitte sehr, nach Ihnen!" Ist es ihr Problem, daß sonst keiner mit
will?
Der Weg nach oben, beschwerlich. Zum Teil liegt das an den Standards, ohne die
sich Herma nirgendwohin bewegt, zum Teil an Kutzmutz. Bis zum dritten Stock
hält er ihr einen Vortrag und auf der letzten Treppe, der zum Theaterdach,
vernimmt Herma sein "Entweder-Oder".
Nicht mit ihr. Nie wieder.
"Beeindruckend", sagt sie, meint den Blick aus dem Fenster in die
Tiefe.
"Leider läßt es sich so nicht öffnen", sagt Dr. Kutzmutz, "den
Schlüssel hat der Hauswart." Die Führung ist zu Ende. Wie Hermas Geduld.
Sie umklammert die Standards.
Hinter O. K. auf die Wendeltreppe. Ausgeholt mit den Standards. Gezielt auf den
Kopf vor ihr und – Hermas Absatz steckt im Eisengitter. Die Nachschlagewerke,
groß wie Tabletts, reißen Herma abwärts,
K.s Kopf rot,
Hemd weiß,
Hose grau,
Schuh -
knacks