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Bildung 4.0 bedeutet Lebenslanges Lernen

12.02.2018

Lernen hört selbstverständlich nicht nach der Schule oder Ausbildung auf, sondern begleitet uns ein Leben lang. Das ist nicht nur zunehmend wichtig für die berufliche Weiterentwicklung einer_s Jeden sondern auch für die eigene Persönlichkeitsentwicklung. Welche Rolle dabei die Volkshochschulen spielen, haben wir die Verbandsdirektorin des Landesverbands der Volkshochschulen Niedersachsens e. V. Berbel Unruh gefragt.

Frau Unruh, Sie sind schon lange in der Erwachsenenbildung tätig. Welchen Stellenwert hat für Sie hier die Kulturelle Bildung?
Persönlich halte ich die Kulturelle Bildung für außerordentlich wertvoll und bereichernd. Die Frage, wie man Angebote für vielfältige Zielgruppen entwickelt und umsetzt, beschäftigt mich schon lange. Wenn man Bildung ganzheitlich versteht, dann bildet Kulturelle Bildung ein wesentliches Fundament für jede, für jeden von uns. Die Auseinandersetzung mit sich selbst, der (sozialen) Umwelt, der Geschichte, der Herkunft, mit den eigenen Wünschen, Träumen, Ängsten kann hier ganz unmittelbar erfolgen. Ein weiterer Aspekt ist der, dass wirklich jeder Mensch künstlerisch-ästhetisch aktiv werden kann – und dabei ganz individuelle Ausdruckmöglichkeiten erproben kann. Das ist sozusagen für jede und jeden barrierefrei möglich. Folglich ermöglicht gerade Kulturelle Bildung einen Begegnungsraum, in dem ein Miteinander auf Augenhöhe stattfindet. Das halte ich in unserer heterogenen Gesellschaft für ein unschätzbares Gut, das unbedingt gepflegt (bewahrt?) werden muss.

Berbel Unruh
Berbel Unruh auf der AEWB-Fachtagung »Weitergehen. Gesellschaft und Lernen gemeinsam gestalten« im August letzten Jahres im Gespräch mit dem Vorsitzenden des nbeb Prof. Dr. Gerhard Wegner.
Foto: Axel Herzig

Die Volkshochschulen bieten ein breites Angebot für alle, die sich weiterbilden wollen. Welche Teilnehmenden kann ich denn bei Ihnen finden?
In den Volkshochschulen begegnen Ihnen die unterschiedlichsten Menschen: Jugendliche, die in den Ferien im Rahmen von talentCAMPus-Projekten verschiedene Formate Kultureller Bildung erproben; junge Erwachsene, die ihren Schulabschluss nachholen; Berufstätige, die ihre Kompetenzen und ihr Fachwissen erweitern wollen; Menschen mit Migrationsgeschichte, die die deutsche Sprache lernen wollen. Darüber hinaus erwachsene Menschen bis ins hohe Alter hinein, die gesellschaftspolitischen Fragestellungen nachgehen möchten, die digitale Welten erkunden möchten, die sich präventiv gesundheitlich betätigen, die sich ehrenamtlich engagieren, die ihren nebenberuflichen Interessen nachgehen wollen, die ihren (kreativen) Interessen und Hobbies nachgehen …

Wie erreichen Sie auch »bildungsferne« Menschen?
Natürlich gestaltet es sich einfacher, Menschen für Bildung zu begeistern, die bereits auf vielfältige positive Lernerfahrungen zurückgreifen können und die auch über die entsprechenden Ressourcen verfügen, sich Bildung leisten zu können. Zentrale Frage, die in diesem Zusammenhang zu stellen ist, ist: woher stammt die »Bildungsferne«? Liegt es daran, dass die Personen keine Zeit haben oder kein Geld? Wie sehen die Lernerfahrungen in ihrer bisherigen Lebensbiographie aus? Oder verbinden sie Lernen möglicherweise sogar mit negativen Erlebnissen und Erfahrungen? Kennen sie vielleicht das System der Weiterbildung gar nicht oder haben z.B. kreative Techniken noch nicht für sich als mögliches Hobby entdeckt? Oder gibt es vielleicht ganz praktische »Lernbarrieren«, weil es beispielsweise ab einer gewissen Uhrzeit keine Busverbindung mehr gibt? Antworten auf die unterschiedlichsten Fragestellungen können dann, je nach Zielgruppe, z.B. aufsuchende Angebote sein, kostenfreie Angebote, digitale Angebote, andere Zeitfenster, gezielte Kooperationen mit Institutionen, die bereits einen Zugang zur Zielgruppe haben, oder eine Verknüpfung von z.B. Sprachkursen mit Angeboten der Kulturellen Bildung. Hier ist die Kreativität der 57 niedersächsischen Volkshochschulen gefragt, für ihr jeweiliges Einzugsgebiet passende Lösungen zu entwickeln.

Zeit ist ein knappes Gut, gerade in der sogenannten »Rushhour des Lebens«. Wie kommen Sie speziell dieser Zielgruppe mit Angeboten entgegen?
Mehr und mehr finden sogenannte Blended Learning Formate Eingang in das Programm der Volkshochschulen. Bei dieser Art zu lernen werden Präsenzveranstaltungen mit digital gestützten Selbstlernphasen kombiniert, so dass die Teilnehmenden sich einen großen Teil der Lernzeit frei einteilen können. Dies spricht insbesondere Personen an, die aufgrund familiärer Sorgepflichten, eingeschränkter Mobilität oder beruflicher Verpflichtungen nur schwer regelmäßige Termine in der Volkshochschule vor Ort wahrnehmen können. Darüber hinaus wird das klassische Kursangebot, welches das gesamte Semester lang regelmäßig einmal pro Woche durchgeführt wird, ergänzt durch kürzere Formate, Wochenendangebote oder auch durch Bildungsurlaubsangebote. So kann den verschiedensten zeitlichen Bedürfnissen der Teilnehmenden Rechnung getragen werden.

Mit der Umgestaltung der Arbeitswelt wird Lebenslanges Lernen immer wichtiger. Welche Rolle spielen hier (künftig) die Volkshochschulen?
Arbeit 4.0 ist in aller Munde – und auch die Herausforderungen für den Bildungsbereich werden aller Orten immer wieder benannt. Leider kommt die Erwachsenenbildung in dieser Diskussion häufig zu kurz. Dabei spielen insbesondere die Volkshochschulen eine zentrale Rolle dabei, Menschen in der Entwicklung vielfältigster Medienkompetenzen zur Seite zu stehen. Insbesondere in der beruflichen Bildung ist »Bildung 4.0« natürlich ein wichtiges Thema. Kleine und mittlere Unternehmen verfügen meist nicht über eigene  Weiterbildungsabteilungen, sondern sind auf passgenaue Angebote und Kooperationen mit Bildungsanbietern angewiesen. Neben den Medienkompetenzen kommt auch den interkulturellen Kompetenzen eine zentrale Rolle zu. Das wird zum einen durch die weltweiten Migrationsbewegungen und die Diversifizierung von Gesellschaften deutlich, zum anderen jedoch auch durch eine Globalisierung, die insbesondere durch die digitalen Medien noch weiter Fahrt aufnimmt. Gerne zitiere ich an dieser Stelle Sascha Lobo, der am 27.09.2017 auf SPIEGEL Online schrieb: »Die Idee der Volkshochschule ist eng verknüpft mit der Aufklärung und dem Ziel des lebenslangen Lernens. Heute ist eine breite Offensive für digitale Bildung auch unter Erwachsenen erforderlich. […] Das Rüstzeug zur Teilhabe an einer digitalen Gesellschaft entsteht nicht von allein - und die gewaltige Aufgabe der Integration von Einwanderern kann so auch digital unterstützt werden.« Dass für diesen Prozess, nämlich die Entwicklung von Volkshochschule in digitalen, globalisierten Zeiten, seitens der Politik Mittel zur Verfügung gestellt werden müssen, versteht sich von selbst.

Gibt es regionale Unterschiede bezogen auf die Bildung?
Ein klares JA! Niedersachsen ist ein ausgesprochen heterogenes Flächenland. Keine der insgesamt 57 Volkshochschulen ist direkt vergleichbar mit einer anderen. Hintergründe dieser Heterogenität sind u.a. die Größe der Einrichtung, die Geschäftsform, die kommunale Einbindung sowie die kommunalen Rahmenbedingungen. Die große Stärke der Volkshochschulen sind genau dieser regionale Bezug sowie die Konzeption von individuell zugeschnittenen Bildungsformaten. Als Landesverband stellen wir unseren Volkshochschulen darüber hinaus Curricula und Prüfungssysteme für berufliche Lehrgänge zur Verfügung, die dann mit einem einheitlichen Zertifikat des Landesverbands abschließen. Auch hier beobachten wir, dass bestimmte Themen und Angebote in einer Region stark nachgefragt werden, in einer anderen Region hingegen kaum. Wir begegnen dieser Entwicklung mit einem breiten Angebotsportfolio – so ist für jede VHS etwas dabei.

Welche Themen sind im Moment bei Ihnen ganz oben auf der Agenda?
Im Kern geht es um zwei Fragen:

1. In welcher Gesellschaft wollen wir leben?
2. Und wie wollen wir diese gestalten

Hierunter lassen sich alle weiteren Themen fassen, die für uns aktuell im Fokus stehen:

  • das Mega-Thema Digitalisierung, das sich quer durch alle Themen- und Programmbereiche zieht und das auch die Organisation Volkshochschule nachhaltig verändern wird
  • die politische Bildung, die durch Radikalisierungstendenzen. Populismus und den Anstieg von Fremdenfeindlichkeit mehr und mehr in den Fokus rückt
  • die Gestaltung des Zusammenlebens in einer vielfältigen Gesellschaft (nicht nur) durch Sprachkurse, die Eröffnung beruflicher Perspektiven und die Eröffnung von Begegnungsräumen
  • und nicht zuletzt auch das »Recht auf Bildung« für jeden und jede. Jedem Mitglied unserer Gesellschaft muss es möglich sein, an (kostenlosen) Grundbildungsangeboten teilzuhaben und so verpasste Chancen - z. B. Schulabschlüsse - nachzuholen. Im Rahmen der von Bund und Ländern ausgerufenen Nationalen Dekade für Alphabetisierung muss der Grundbildung eine wesentliche Rolle zugesprochen werden.


Darüber hinaus spielen in unseren Einrichtungen die Themen Generationenwechsel, Diversität bzw. Vielfalt in einer kulturell heterogenen Gesellschaft u. ä. eine wesentliche Rolle, die wir in unterschiedlichen Arbeitskreisen bewegen. Aber darauf näher einzugehen, würde wahrscheinlich den Rahmen unseres Interviews sprengen ...

Sie engagieren sich seit dem Sommer 2017 als Vorstandsmitglied der ba●. Was wäre Ihr Wunsch für die Bundesakademie?
Die Anerkennung und Wertschätzung des vielfältigen Wirkens der ba• durch Politik und Fachöffentlichkeit ist spürbar. Daher lautet mein Wunsch: So soll es weitergehen - mit vielen kreativen Köpfen, mit höchster Expertise und mit großer Nähe zu den Themen und den Akteuren im Feld. Darüber hinaus sollte das fachliche Netzwerk gepflegt und weiter ausgebaut werden, um die Resonanz auf Bundesebene weiter zu steigern. Die Kooperation mit dem Landesverband der Volkshochschulen darf auch gerne weiter ausgebaut werden.

Vielen Dank für das Gespräch!


Zur Person
Seit Juni 2016 ist Berbel Unruh Verbandsdirektorin des Landesverbands der Volkshochschulen Niedersachsens e. V., seit 2017 ist sie im Vorstand der Bundesakademie. Sie ist studierte Kulturpädagogin mit den Schwerpunkten Literatur und Musik und hat nach einigen Umwegen in den Bereichen Öffentlichkeitsarbeit, einer betriebswirtschaftlichen Qualifizierung sowie gelebter Familienzeit mit ihren zwei mittlerweile erwachsenen Söhnen, zu Beginn der 2000er Jahre den Weg in die Erwachsenenbildung gefunden. So war sie erst in einem Projekt der Lernenden Regionen im Kontext Volkshochschule tätig, später dann war sie pädagogische Leiterin und dann Direktorin der Heimvolkshochschule Loccum. Als Verbandsdirektorin im Landesverband ist sie zudem stellvertretende Vorsitzende des Nds. Bundes für freie Erwachsenenbildung e.V. sowie Mitglied im NDR Rundfunkrat.

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