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Das Gefühl, noch was zu können

19.02.2018

Unsere Programmleiterin für Bildende Kunst Dr. Sabine Baumann hat vor zehn Jahren das Thema Kunst und Alter für sich entdeckt und die Qualifizierungsreihe Kunstgeragogik – Kulturelle Bildung mit Älteren an der Bundesakademie ins Leben gerufen. Hier berichtet sie über die Anfänge, die Absolvent_innen und den Anspruch an die Künste.

Alle Altersgruppen in unserer Gesellschaft haben ein Recht auf kulturelle Partizipation. Für Kinder und Jugendliche gilt dies in unserer Gesellschaft als selbstverständlich, aber auch Erwachsene, egal welchen Alters und welcher physischen und psychischen Konstitution, haben den legitimen Wunsch nach  Kultureller Bildung und einen Anspruch auf die Künste. In der Schaffung von Angeboten Kultureller Bildung sehe ich ganz klar eine Möglichkeit, die  Anforderungen durch den demographischen Wandel bewältigen und positiv gestalten zu können.  

Kulturelle Bildung ermöglicht Älteren eine erfolgreiche Teilhabe an kulturbezogener Kommunikation und Aktion, soziale Einbindung und Aktivität, fördert die Gesundheit und ist ganz wesentlicher Faktor für Lebensqualität. Künstlerische Prozesse ermöglichen dem Menschen, auf eine differenzierte Art und Weise ganzheitlich mit allen Sinnen Welt wahrzunehmen und sich Welt anzueignen. Gleiches gilt für Ältere und Alte: Durch das Erleben ihrer kreativen Potenziale eröffnen sich ihnen neue Erfahrungsräume, sie können ihre vielfältigen Kompetenzen, ihre Selbstbestimmtheit entwickeln und realisieren und sind gleichzeitig sozial eingebunden. Das alles trägt zu einer besseren Bewältigung des Alltags, insbesondere unter dem Aspekt der Lebensqualität und Lebenszufriedenheit, bei.

Baumann
Dr. Sabine Baumann in Irland am St. Patrick’s Day

Angefangen hat für mich alles in Irland. Die Teilnahme an einem europäischen Projekt führte mich 2008 nach Dublin zum »Bealtaine Festival« – einem Festival, das sich ganz der künstlerischen Praxis mit Älteren widmet. Einen Monat lang im Mai, wurden in allen Kunstsparten Projekte – von der Bildenden Kunst über Musik, Tanz und Literatur –  erfolgreich initiiert. Und das damals schon seit zehn Jahren! Eine erhellende und faszinierende Erfahrung, während wir hier in Deutschland im Zusammenhang mit dem demografischen Wandel in unserer Gesellschaft auf Tagungen »nur« über die Notwendigkeiten in der Kulturellen Bildung für Ältere diskutierten. Dieses Schlüsselerlebnis in Irland, insbesondere die Gespräche mit den älteren Menschen, veranlassten mich an der Bundesakademie die berufsbegleitende Qualifizierung KUNSTgeragogik – Kulturelle Bildung mit Älteren zu entwickeln und damit ein neues Berufsfeld zu schaffen. Zuvor jedoch, verbrachte ich drei Monate bei »age &opportunity«, der Organisation in Dublin, die das Festival organisierte, um mir weiteres Wissen anzueignen. Die in dieser Zeit erlebten Begegnungen mit Älteren haben mir nochmal verdeutlicht, welche positiven Auswirkungen künstlerische Arbeit auf das Befinden älterer Menschen hat. Forschungsergebnisse benötigte ich nicht mehr, um mich von meinem Vorhaben zu überzeugen, obwohl diese damals bereits vorlagen, insbesondere in den USA und Irland.

Ein neues Berufsfeld
Mittlerweile bietet die Bundesakademie den Lehrgang der Qualifizierung KUNSTgeragogik_ Kulturelle Bildung mit Älteren schon seit 2010/11 an. Die Absolvent_innen kommen aus dem gesamten Bundesgebiet sowie der Schweiz und Österreich und haben diverse berufliche Hintergründe: beispielsweise Bildende Künstler_innen, Kunstvermittlerinnen, Kunst- und Ergotherapeutinnen und Sozialpädagoginnen. So verschieden ihre beruflichen Hintergründe auch sind, sie alle verbindet das Interesse und vor allem die Motivation mit älteren Menschen künstlerisch qualitativ zu arbeiten und Räume anzubieten, in denen künstlerische Prozesse stattfinden können. Hierdurch wird ein Rahmen geschaffen, in den individuelle Lebenserfahrungen einfließen und in dem kostbares Wissen bewahrt und mitgeteilt wird. Für mich ist manchmal kaum zu glauben, dass wir mittlerweile nahezu 80 Kunstgeragog_innen in Bildender Kunst und Tanz weitergebildet haben.

Die Arbeitsfelder von der Kunstgeragog_innen sind ebenso vielfältig wie die Gruppe älterer und alter Menschen, mit denen sie künstlerisch arbeiten. Bildungseinrichtungen (beispielsweise Volkshochschulen), kulturelle Institutionen (soziokulturelle Zentren, Museen, Kunstvereine), Kirchengemeinden, Mehrgenerationenhäuser, Stadtteilzentren und Quartierseinrichtungen sind neben offenen Ateliers, Alteneinrichtungen sowie Tageseinrichtungen für Ältere aber auch dem öffentlichen Raum Orte kunstgeragogischer Angebote. Die Einsatzorte richten sich ganz danach in welchem beruflichen Rahmen die Absolvent_innen bereits tätig waren und ob sie diese dort integrieren werden oder ob sie sich neue Zusammenhänge suchen, in denen sie ältere Menschen antreffen.

Das künstlerische Arbeiten mit Älteren
Ganz aktuell hat die Absolventin Ina Simone Petri ein von der Heidehofstiftung gefördertes Pilotprojekt in einer akutgeriatrischen Station einer süddeutschen Klinik durchgeführt. Dazu sagt die Kunstgeragogin und freischaffende Künstlerin selbst: »Sinn und Zweck des Projektes war es, den Genesungsprozess und die Therapie der Patienten durch ein Angebot im Bereich der Bildenden Kunst zu unterstützen. Ältere und alte Menschen sind durchaus noch begeisterungsfähig, wenn man den richtigen Ansatz findet – nämlich über die Sinne zu gehen und die Neugier zu wecken. Kreatives Schaffen ist ein wichtiger Bestandteil des kunstgeragogischen Angebotes für Senioren in Pflegeeinrichtungen – oder auch zuhause – denn Kunst geht in jedem Alter.«

Kunstgeragogik 
Einer anderen Absolventin, die in einer Einrichtung künstlerisch mit älteren Menschen arbeitet, Astrid Kemper van Heumen, sagte die Betreuerin »Ich staune immer, welche Fähigkeiten Sie da aus den Menschen raus kriegen«. »Das gibt mir Bestätigung, dass es einen Unterschied zwischen Bastelaktivitäten und KUNSTgeragogik gibt«, erzählt van Heumen. »In der Kunst wird etwas Innerliches/Eigenes berührt und deswegen ist das Engagement viel größer. Auch hörte ich dort von einer 88-Jährigen den Satz: „Sie geben uns immer das Gefühl, dass wir noch was können.“«

Was für ein schönes Kompliment! Genau dieser Unterschied ist auch mir sehr wichtig, KUNSTgeragogik ist nicht Basteln, sondern Kulturelle Bildung mit Älteren!

Von Dr. Sabine Baumann, Programmleiterin Bildende Kunst

Der VIII. Lehrgang der Qualifizierung KUNSTgeragogik – Kulturelle Bildung mit Älteren ist ausgeschrieben und wird voraussichtlich Ende September 2018 mit dem ersten Modul beginnen.

In Kooperation mit dem Forschungsinstitut Geragogik FoGera.
Weitere Informationen finden Sie auf unter www.kunstgeragogik.net

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Kommentare

Ingrid weißmann schrieb am: 21.02.2018 17:21

Sehr geehrte Frau Baumann, wunderbar, was Sie da ins Leben gerufen haben und anbieten. Offenbar mit viel Freude. Wenn es um Literatur und die Schreiberei geht, gibt es Angebote, auch für Wettbewerbe, eigentlich nur aus Zürich. In Deutschland passiert wenig, es gibt kaum Unterstützung. Natürlich halte ich die Förderung für junge Autoren, die sich gut entwickelt hat, auch für wichtig. Danke für Ihren Einsatz und freundliche Grüße Ingrid Weißmann. .

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