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Der Teebeutelzeichner
Erinnerungen an F. W. Bernstein

28.01.2019

geschrieben von Olaf Kutzmutz am 28.01.2019

Teebeutel 01

Seit über zehn Jahren erheitern mich in meinem Büro zwei monumentale Teebeutel. Sie sind auf Pappe vorgezeichnet, dann mit halbfeuchtem Earl Grey betupft und koloriert. Diese beiden Teebeutel erzählen täglich von ihrem Urheber F. W. Bernstein. Er hat sie in einer seiner Wolfenbüttelwerkstätten gezeichnet und mir freundlicherweise überlassen.

F. W. Bernstein 02

Von 2003 bis 2006 war Fritz, wie wir ihn alle nennen durften, vier Mal bei uns und setzte die Text-Zeichen-Reihe seiner ›Pardon‹-Kollegen Robert Gernhardt und F. K. Waechter fort. In diesen Werkstätten lehrte er uns vor allem eines: die künstlerische Freiheit zu nutzen und zu schätzen. Keine Angst zu haben beispielsweise vor Unanständigem, politisch Rohem oder zweifelhaft Komischem. Der Weg des Probierens war das Ziel, und die Scheren im Kopf sammelte Fritz gleichsam vor der Werkstatt ein. Was von den Arbeiten die Öffentlichkeit sehen sollte? Das stand auf einem anderen Blatt.

In seinen Werkstätten wurden Texter zu Zeichnern und Zeichner zu Textern. Gern stiftete Fritz seine Schülerinnen und Schüler zu skurrilen Experimenten an. Einmal schlug er vor, das Ohr oder eine Scheibe Salami auf den Kopierer zu legen und so Material für die weitere Arbeit zu schaffen. Oder die Gruppe erfand gemeinsam mit Fritz ein »Moralphabet« von A bis Z, das als gereimter und gezeichneter Tugendspiegel diente. Klingt schräg, aber es klappte.

Moral 04

Bevor Fritz morgens seine »Kleine Schule des Textens und Zeichnens« begann, stimmte er sich auf die Arbeit ein und spazierte mit Block und Stift in die Stadt: um zum Beispiel Wolfenbüttels Hauptkirche Beatae Mariae Virginis zu skizzieren oder den grünen Herzog auf dem Stadtmarkt. Er hielt spontane Eindrücke fest und zugleich Erinnerungen an Orte und Menschen.

F. W. Bernstein 05

Bei unserem letzten Telefonat war absehbar, dass nichts würde aus einer Akademietagung zum 80. Geburtstag von Fritz. Seine Bescheidenheit sprach gegen so ein Unternehmen, aber vor allem seine lädierte Gesundheit. Trotzdem verlief unser Gespräch wie immer heiter. Nach dem Auflegen setzte sich langsam eine gewisse Traurigkeit durch. Und wurde stärker, als ich kurz vor Weihnachten hörte, dass Fritz gestorben war.

Ob wir uns jemals wiedersehen?, denke ich in gläubigen Momenten. Dann vergeht eine kleine Zeit und ich sage: Abwarten und Teebeutel anschauen.

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Kommentare

Nico Schrader schrieb am: 29.01.2019 08:37

Wer hat ihn nicht gemocht!

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