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Überzeugend für Kultur argumentieren?

Viele Akteure berichten aus ihrer Praxis, dass es immer schwerer wird, mit Politiker_innen und Medien zu sprechen: Kunst und Kultur stehen unter Druck. Fördermittel werden hinterfragt, gesellschaftliche Erwartungen steigen und in Debatten setzen sich oft einfache Antworten gegen differenzierte Argumente durch.
Gleichzeitig war das Wissen über die Wirkungen von Kunst, Kultur und Kultureller Bildung NOCH NIE so groß wie heute. Das belegen zahlreiche Studien, gerade wieder ganz aktuell die Studie »Kultur als Standortfaktor in Berlin« des Instituts für Kulturelle Teilhabeforschung (IKTf), die zum ersten Mal ökonomische, soziale, gesundheitliche und touristische Effekte des Berliner Kultursektors untersucht. In kleineren Städten ist der Effekt nicht ganz so groß wie in Berlin, aber auch dort deutlich, wie dieser Bericht vom Bayerischen Rundfunk zeigt.
Doch welche Argumente überzeugen tatsächlich? Bei wem? Und wie lassen sich kulturpolitische Debatten wieder offen, fundiert und konstruktiv führen?

ba•: Lieber Jérôme, Fragestellungen für die Tagung waren u.a. wie Kulturinstitutionen in Zeiten gesellschaftlicher Spannungen und finanzieller Engpässe ihre Relevanz überzeugend belegen können und welche Argumente bei welchen Zielgruppen – von politischen Entscheidungsträger_innen bis zum privaten Umfeld – funktionieren. Natürlich gibt es dazu kein Patentrezept, aber gibt es ein Ergebnis, das du mitgenommen hast?
Jérôme LenzenIch nehme eine ganz zentrale Erkenntnis mit aus dem Fachcamp: dass wir die anekdotische Evidenz im direkten Gespräch nicht unterschätzen dürfen. Diese steht zwar im Verdacht, eine schwache argumentative Aussagekraft zu haben, aber die Erfahrungen aus der kulturpolitischen Praxis zeigen uns das genaue Gegenteil. Über Anekdoten, persönliche Geschichten und Einzelbeispiele lässt sich der Wert von Kunst, Kultur und Kultureller Bildung am überzeugendsten vermitteln. Wir haben mittlerweile so viele Studien, die uns von wirtschaftlichen Argumenten wie Umwegrentabilität, bis zu gesundheitlicher Wirkung aufzeigen, was Kultur für positive Effekte haben kann. Aber das bewahrt uns nicht davor, dass ein Kämmerer den Rotstift ansetzt. Sobald wir die Kulturpolitik mit starken Bildern, überzeugenden Veranstaltungen und persönlichen Berichten erreichen, entsteht etwas viel Wichtigeres: Identifikation mit den eigenen Kunstinstitutionen. In einer Welt, in der Innenstädte immer generischer werden, erscheint mir das als die relevanteste Frage: Wodurch unterscheiden wir uns von anderen, was macht unsere Kommune oder unser Bundesland aus? Kultur ist da eine ganz heiße Fährte.

Wie rebellisch kann oder soll Kultur sein?

ba•: Liebe Katherine, du hast auf LinkedIn im Nachgang geschrieben: »Wie rebellisch kann oder soll Kultur sein, um politische und gesellschaftliche Wirkung zu entfalten? Oder ist diplomatisches Geschick und eine unterstützende, verständnisvolle Herangehensweise zielführender? Oder tappen wir so in eine Instrumentalisierungsfalle, die die Kraft der Kunst zerstört, Neues zu denken – gerade diese Kraft, die in der heutigen Zeit so bitter nötig ist?« Daher auch an dich die gleiche Frage: Gibt es ein Ergebnis oder Beispiel, das du mitgenommen hast? 
Katherine Heid: Ich bin zunehmend fasziniert von eben diesem vielleicht nur scheinbaren Gegensatz zwischen Rebellion und Diplomatie, der oft thematisiert wurde. Dieser Kontrast hatte bei unseren Diskussionen im Vorfeld gar nicht so einen großen Stellenwert! In solchen Überraschungen zeigt sich die Stärke des Fachcamp-Formats, in dem viel Wissen und Austausch auf dem Input der Teilnehmenden basiert. Sonst wiederholt man allzu oft einfach nur dieselben Gedanken.  Sicherlich waren die Elemente, in denen wir über Kommunikationspsychologie, über Framing und das sich Hineindenken in die Perspektive des Gegenübers sprachen, zentral – da das Wissen um und Einüben von zielgruppenspezifischer  Kommunikation, von Argumentations- und Diskussionsstrategien sehr nützlich und außerordentlich zielführend ist. Nichtsdestotrotz führt eine reine Anwendung solcher Strategien ins Leere, weil es schnell an Authentizität mangelt. Menschen in der Kultur leben von ihrer Leidenschaft, ihrer innersten Überzeugung und dem Bewusstsein, dass Kunst zentral für uns Menschen ist – und es geht darum, dass diese Passion im Gespräch vermittelt wird. Dann erst kann der Funke überspringen- und dann wird es »rebellisch«. Denn angepasst ist Kultur per se nicht, da sie stets Nutzen, der rein konsumorientiert und auf Steigerung ausgerichtet ist, in Frage stellt- und somit auch unsere Gesellschaft.  Dr. Carsten Brosda überraschte uns sicherlich alle mit seiner klaren Aussage zu Beginn des Fachcamps, dass wir damit aufhören sollten immer und immer wieder all die vielen Zweckargumente aufzuzählen. Stattdessen solle der Wert der Kunst aus ihrer selbst heraus begründet werden.

Kulturpolitischer Hackathon

ba•: Gab es im Fachcamp auch ein Argument oder einen Ansatz, von dem sich gezeigt hat, dass er nicht funktioniert – der also entzaubert wurde? 
Katherine Heid: In der Vorbereitung haben wir uns viele Gedanken gemacht zum Umgang mit rechtspopulistischen Politiker_innen. Während es uns schlüssig erschien, Perspektiven verschiedener demokratischer Parteien und verschiedene Lebenswelten miteinzubeziehen, um zu erforschen, wie die Kultur sinnvoll in die jeweiligen Zielvorstellungen einzahlen kann und wie man dies im Gespräch mit Entscheidungsträgern zielführend vermitteln kann, erschien uns dies unmöglich bei rechtspopulistischen Parteien wie der AfD. Wir wollten aus ethischen Gründen nicht üben, wie wir rechte Politiker_innen von kulturellen Angeboten überzeugen könnten. Auch wenn dies kurzfristig eine Einrichtung schützen könnte. Genau so haben sicherlich auch einige Kulturakteur_innen der 1930er Jahre in Deutschland fehlgelegen. Wir können die Kulturen, für die wir einstehen, ihre Freiheit und Diversität, nicht schützen, indem wir uns oberflächlich und situativ extreme Argumentationsschemata aufgreifen. Kultur behält ihre Kraft, unsere Gesellschaft in die Zukunft zu begleiten, durch Allianzen, gegenseitige Unterstützung und klares Dagegenhalten gegen Rechts.

ba•: Lieber Jérôme, wie seid ihr methodisch vorgegangen, um solche komplexen Themen mit einer heterogenen Gruppe zu bearbeiten? 
Jérôme Lenzen: Wir haben uns bewusst für den Begriff »Fachcamp« entschieden. Es handelte sich nämlich nicht um eine Fachtagung oder Konferenz im klassischen Sinne, bei der Programm und Input vor allen Dingen von vorne kommen. Unter einem Camp haben wir eine Veranstaltung verstanden, die von den Teilnehmenden mitgestaltet wird. Co-Kreativ haben wir uns unterschiedlichen Tiefenbohrungen gewidmet und der Erfahrung und dem Fachwissen der Teilnehmenden Raum gegeben. Es gab natürlich auch die klassischen Impulse, beispielsweise von Dr. Carsten Brosda und Prof. Dr. Vanessa-Isabelle Reinwand-Weiss. Darüber hinaus haben wir nach Lösungen für unsere geteilte Herausforderung im Spiel und der co-kreativen Gestaltung gesucht. Am ehesten war die Veranstaltung ein kulturpolitischer Hackathon.

ba•: Liebe Katherine, du bist studierte Psychologin. Hilft dir die Kenntnis der menschlichen Psyche in schwierigen Gesprächen z.B. mit Politiker_innen? 
Katherine Heid: Jein. Ich würde den Nutzen meines Psychologiestudiums eher indirekt sehen. Es hat mir keine Rezepte für den Umgang mit Politikerinnen und Politikern vermittelt, sondern eine analytische, reflektierte und »in-Frage-stellende« Haltung. Psychologie erklärt menschliches Verhalten in Wahrscheinlichkeiten und Kontexten, nicht anhand einfacher Ursache-Wirkungs-Muster. Unsere Welt ist viel zu komplex und unvorhersehbar, um auf einfache Muster zu bauen. Genau das macht unsere Welt und uns Menschen ja so spannend. Im politischen Dialog hilft mir dieses Wissen vor allem dabei, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen und Kommunikationsprozesse sensibel wahrzunehmen. Mein wissenschaftliches Studium hat mich gelehrt, mich mit einfachen Erklärungen menschlichen Verhaltens nicht vorschnell zufriedenzugeben. Es hat meine Sensibilität für psychologische Zusammenhänge geschärft – zugleich aber auch meine Skepsis gegenüber allzu einfachen Gewissheiten.

Kostendruck ist nicht alleinige Ursache

ba•: Liebe Katherine, lieber Jérôme ihr seid beide seit Jahren in politischen Kontexten unterwegs, z.B. als Gründer von ArtAsyl e.V. oder als Geschäftsführerin der Kulturpolitischen Gesellschaft. Glaubt ihr, dass der Kostendruck allein die Hauptursache der veränderten Diskussionskultur ist?
Jérôme Lenzen: Eigentlich sollte allen klar sein: An der Kultur werden wir unsere öffentlichen Haushalte nicht sanieren. Stattdessen können wir im Bereich der Freiwilligen Aufgaben allerdings irreparable Schäden an unserer Demokratie verursachen. Für mich liegt das Hauptproblem in einer viel zu kurzfristigen Sichtweise: Wenn wir immer nur in Haushalten und Doppelhaushalten denken, geht die Vorstellungskraft für größere Zusammenhänge verloren. Aus dem Fachcamp gehe ich auch nicht mit der Antwort heraus, dafür mit vielen Fragen. Es sind diese Fragen, die wir brauchen, um eine neue Diskussionskultur aufzubauen. Und wer könnte dabei behilflich sein, Fragen zu stellen und Visionen zu entwickeln?
Katherine Heid: Eine eindimensionale Betrachtungsweise, die alles auf Kostendruck zurückführt, ist viel zu vereinfachend. Wir stecken gerade mitten in einer sich verschärfenden, beschleunigten Polykrise. Ökologische Zusammenbrüche, wirtschaftliche Krisen, demografische Verschiebungen und gesellschaftliche Spannungen – wir stehen unter existentiellen Transformationsdruck. Unter diesem Druck nimmt die Tendenz zu, sich nach schnellen, einfachen Lösungen zu sehnen. Neugier auf Andersartigkeit nimmt ab. Die Kapazität, Nuancen wahrzunehmen, schrumpft. So scheint es zunehmend schwieriger, aus seiner eigenen »Ingroup« hinauszublicken, Kompromisse zu schließen und andere Sichtweisen anzuerkennen. Aber ganz genau hier liegt die Stärke der Kultur – da gebe ich Jérôme recht. Kultur kann uns Zukünfte erträumen lassen, Fragen stellen lassen, ohne Antworten geben zu müssen, und schafft Räume jenseits der Logik von Wachstum und Monetarisierung.

Wie geht es weiter?

ba•: Liebe Katherine, lieber Jérôme das Fachcamp war ein Auftakt, wie geht es jetzt weiter?
Jérôme Lenzen:  Natürlich machen wir weiter. Das Thema wird von so vielen Akteur_innen im Feld als relevant empfunden, da müssen wir unbedingt dranbleiben. Nächstes Jahr mit Art of Relevance II, auf der Wegstrecke aber auch mit vielen kleineren Formaten. Katherine und ich werden auch zu einzelnen Institutionen und Kommunen reisen, um mit den Akteur_Innen vor Ort nach lokalen Argumenten zu fahnden.
Katherine Heid: Auch auf europäischer Ebene wurde uns Interesse gemeldet. Hier wird es spannend zu sehen, wie die Relevanz der Kultur in anderen Ländern vertreten, gelebt und verteidigt wird. 
Es ist jedenfalls ein Thema, das uns immer weiter begleiten wird. Es gilt, auf sich ständig verändernde politische und gesellschaftliche Bedingungen einzulassen und neue Antwortmöglichkeiten zu finden. Dies bedeutet, dran zu bleiben. Es bedeutet auch, gerade angesichts der vielen Herausforderungen,  sich gegenseitig zu unterstützen, neue Ansätze auszutauschen, sich Mut zu machen und das Träumen nie aufzugeben.

Interview vom 20.07.26