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Spielen

... ist mehr als Zeitvertreib. Das weiß Dr. Martin Thiele-Schwez ziemlich genau.

Der Gamedesigner und Geschäftsführer von Playing History entwickelt seit Jahren Spiele, die Geschichte erfahrbar machen – nicht nur erklären. Im Gespräch mit der ba hat er erzählt, was Videogames so besonders macht: »Sie werden erst real, wenn ich handle. Ein Film läuft auch ohne mich. Ein Buch auch. Im Spiel aber bin ich Teil des Geschehens – und verantwortlich für das, was passiert.
Das erzeugt etwas. Unmittelbare Gefühle, schmerzhafte Einsichten, echte Entscheidungen.« Und es öffnet einen geschützten Raum, um Perspektiven einzunehmen, die im Alltag unerreichbar wären: eine Bürgerrechtlerin in der DDR. Eine Anklägerin in Nürnberg. Ein junger Friedrich Ebert.
Wie Geschichte erlebbar wird und wie sie in die Gegenwart hineinwirkt, zeigen die fünf Spiele, die wir im aktuellen 182,5 vorstellen.

Neugierig geworden? Hier gibt es kurze Steckbriefe zu den fünf Spielen und zu jedem Spiel gibt uns Martin Thiele-Schwez einen konkreten Gedankenanstoß, was das Spiel für ihn persönlich bedeutet bzw. welche Relevanz das Thema haben kann.
Die Bilder sind alle Screenshots aus dem Spielen.

»Grenzgänger – Aus der DDR in den Westen«

Grenzgänger ist ein Projekt des Lern- und Erinnerungsorts Notaufnahmelager Gießen, entwickelt mit Playing History, gefördert von der Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte und dem Hessischen Ministerium für Digitalisierung und Innovation. Das Spiel ist kostenlos online spielbar.

Das Spiel in Kürze
Grenzgänger ist ein narratives Point-and-Click-Adventure über Flucht, Entscheidung und Neubeginn in der DDR der 1980er Jahre.

Die historische/politische Frage dahinter
Spieler_innen erleben in mehreren Kapiteln die Geschichten von drei Menschen aus derselben Nachbarschaft, die aus unterschiedlichen Gründen die DDR verlassen wollen. In der Rolle von Assel, Micha oder Hanna stellen sich die Spielenden unterschiedlichen Herausforderungen und erfahren mehr über den Mut, die Hoffnungen oder die Verzweiflung der Figuren. Assel, eine rebellische Punkerin, kämpft gegen das System und träumt von Freiheit, während Micha um jeden Preis der Wehrpflicht entkommen will. Hanna wiederum versucht alles, um ihrer chronisch kranken Tochter Peggy eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Werden die drei es schaffen, ihre Träume zu erfüllen?
Jede Episode zeigt einen Ausschnitt ihres Weges und wird aus der Perspektive der jeweiligen Figur gespielt. Flucht wird als unsicherer Prozess erfahrbar, der von persönlichen Umständen, äußeren Einflüssen und Glück geprägt wird.

Martin Thiele-Schwez, warum ist das Thema für Sie interessant?
Weil Flucht nie nur ein abstraktes politisches Thema ist, sondern immer eine biografische Erfahrung: eine Entscheidung, ein Risiko, ein Bruch im Leben einzelner Menschen und ihrer Familien.
»Grenzgänger – Aus der DDR in den Westen« erzählt von Flucht und Ausreise als Teil unserer jüngeren deutschen Geschichte. Es zeigt, dass diese Geschichten nicht weit entfernt bei »anderen Menschen« liegen, sondern in viele Familienbiografien hineinreichen. Auch ich bin mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass es in meiner Familie den Onkel gab, dessen Fluchterfahrung ein tiefer Einschnitt war und der über Generationen nachwirkt.

»Herbst 89 - Auf den Straßen von Leipzig« 

Herbst 89 ist eine historische Visual Novel, welche die Ereignisse um die Friedliche Revolution im Herbst 1989 erlebbar macht. Es wurde mit dem Deutschen Historischen Museum (DHM) entwickelt und kann dort in der Dauerausstellung Roads not Taken ausprobiert werden. Herbst 89 ist außerdem kostenlos im Browser spielbar.
Das Spiel hat den Grimme Online Award 2025 in der Kategorie Kultur und Unterhaltung gewonnen.

Das Spiel in Kürze
Spielerische Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte im Herbst 89.

Die historische/politische Frage dahinter
Aus der Perspektive sieben unterschiedlicher Personen können die Spielenden auf spannende Art und Weise den Verlauf des 9. Oktober 1989 in Leipzig nachvollziehen und aktiv beeinflussen. Im Spiel schlüpfen die Spieler_innen in die Rolle einer von sieben unterschiedlichen Figuren. Unter ihnen sind reale Persönlichkeiten wie Egon Krenz oder Friedrich Masur, sowie an echte Biografien angelehnte Charaktere, wie z.B. eine Bürgerrechtlerin, ein Kameramann oder ein Polizist.
Immer wieder gibt es die Möglichkeit, den Charakter zu wechseln, und damit eine neue Perspektive auf die Ereignisse in Leipzig einzunehmen. So wird nachvollziehbar, unter welchem Druck die Bevölkerung stand, welchen Mut das Demonstrieren erforderte, und vermittelt den drängenden Wunsch der Menschen nach Freiheit und Selbstbestimmun
g.

Martin Thiele-Schwez, warum ist das Thema für Sie interessant?
»Herbst 89« macht erfahrbar, dass Geschichte nicht einfach geschieht. Was wir rückblickend Geschichte nennen, ist immer die Summe von Handlungen, Entscheidungen und Unterlassungen vieler einzelner Menschen.
Dass die Revolution von 1989 friedlich blieb, erscheint uns heute fast selbstverständlich. Das Spiel zeigt jedoch, wie fragil dieser historische Glücksfall war. Schon wenige Entscheidungen hätten zu einem komplett anderen Verlauf führen können.
Für uns heute liegt darin eine demokratische Zumutung und Ermutigung zugleich. Auch unser Handeln (und unser Nichthandeln) schreibt Geschichte mit. Demokratie ist nicht nur ein Zustand, den wir erben. Sie ist eine Praxis, für die wir verantwortlich bleiben.

Das Ilios Experiment

Das Ilios Experiment hat Playing History mit der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA) entwickelt. Es ist kostenlos downloadbar.

Das Spiel in Kürze

Das Ilios-Experiment ist ein narratives Mobilegame über Toleranz und deren Aushandlung in einer vielfältigen Gesellschaft.

Die historische/politische Frage dahinter
Das Spiel entführt in das Jahr 2037: Die Spielenden erleben die Stadt Ilios, in der alle fair und gleichberechtigt miteinander umgehen sollen. Die Bürgermeisterin hat dafür ein Pilotprojekt gestartet: den Tolerance Score. Wer sich tolerant verhält, sammelt Punkte und erhält Vergünstigungen und Gutscheine.
In der zweiten Phase des Spiels ändern sich die Parameter des Experiments: Fehlverhalten wird nun sanktioniert. Es kommt zu Konflikten und Widerstand. Die Spielenden müssen im Dialog mit anderen und ihrer »Inneren Stimme« Stellung beziehen: Wie definieren sie Toleranz? Nach welchen Regeln soll das Zusammenleben funktionieren?

Martin Thiele-Schwez, warum ist das Thema für Sie interessant?

Die Frage »Wie wollen wir morgen leben?« ist keine ferne Zukunftsfrage. Sie stellt sich uns täglich: im Umgang miteinander, in Konflikten, in der Frage, wie viel Verschiedenheit wir aushalten und wie viel Gemeinsames wir schaffen wollen.
»Das Ilios Experiment« erzählt vom Zusammenleben der Zukunft und von Toleranz. Aber das Spiel macht deutlich, dass Toleranz sich nicht einfach von oben verordnen lässt. Sie entsteht nicht durch Parolen, sondern durch Haltung und durch konkrete Entscheidungen. Durch die Bereitschaft, anderen Menschen Würde, Raum und Perspektive zuzugestehen.
Damit wird das Spiel zu einer sehr persönlichen Frage: An welcher Gesellschaft möchte ich mitarbeiten? 

»Tribunal 45 - Working on Justice«

»Tribunal 45 - Working on Justice«, entwickelt von Playing History, Memorium Nürnberger Prozesse. Das Spiel ist kostenlos online verfügbar.

Das Spiel in Kürze
Tribunal 45 ist ein narratives Mobile Game mit Puzzle-Elementen zu den Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozessen.

Die historische/politische Frage dahinter
Das Spiel versetzt die Nutzerinnen und Nutzer in die Rolle der französischen Anklägerin Aline Chalufour. Als reale historische Figur arbeitete sie beim Internationalen Militärtribunal 1945 am Anklagepunkt Kriegsverbrechen, insbesondere Geiselerschießungen. In vier Phasen erleben die Spieler_innen den historischen Ablauf des Prozesses, eingebettet in ein fiktionales Narrativ – von den ersten Verhandlungstagen bis hin zur Urteilsverkündung. Dabei interagieren sie mit historischen Persönlichkeiten wie Zeug_innen, Militärpolizisten oder Visionär_innen des Völkerstrafrechts. Ganz nebenbei setzen sie sich spielerisch mit zentralen Fragen des Völkerstrafrechts auseinander. Das Spiel macht diese Themen mit biografischen Zugängen greifbar. Es fordert dazu heraus, selbst Position zu beziehen und zu entscheiden, wie Völkerstrafrecht gestaltet werden soll. Sie erleben Geschichte als moralische und juristische Debatte. Gespräche, Dilemmata und Entscheidungen machen deutlich: Völkerstrafrecht war (und ist nach wie vor) Verhandlungssache.

Martin Thiele-Schwez, warum ist das Thema für Sie interessant?
»Tribunal 45« führt die Spieler_innen an den Hauptkriegsverbrecherprozess von Nürnberg heran und damit an einen historischen Moment, in dem Recht (international) neu gedacht werden musste.
Das Spiel zeigt, dass Völkerstrafrecht menschengemacht ist. Es war immer umkämpft und Ergebnis politischer und moralischer Aushandlung. Gerade weil seine Entstehung untrennbar mit den Verbrechen des deutschen Nationalsozialismus verbunden ist, stellt sich für uns heute eine besondere Verantwortung.
Internationales Recht ist nicht selbstverständlich, sondern muss verteidigt werden. Es muss ernst genommen und seine Gültigkeit mit Nachdruck eingefordert werden
für alle gleich. Diese historische Aufgabe scheint mir heute wichtiger denn je.

Friedrich Ebert - Der Weg zur Demokratie

Das Spiel wurde von Playing History mit der Friedrich Ebert Gedenkstätte entwickelt und wurde mit dem Deutschen Computerspielpreis 2024 in der Kategorie »Bestes Serious Game« ausgezeichnet.  Das browserbasierte Spiel kann kostenfrei und ohne Download gespielt werden.

Das Spiel in Kürze
In der Rolle Friedrich Eberts stellen sich Spielende  verschiedenen Herausforderungen, um eine stabile Demokratie in Deutschland aufzubauen und zu erhalten.

Die historische/politische Frage dahinter
Friedrich Ebert war das erste demokratische Staatsoberhaupt in der deutschen Geschichte. Das Geschichtsspiel begleitet ihn in vier Kapiteln auf seinem Lebensweg. Es setzt Anfang des 20. Jahrhunderts mit seiner Wahl in den SPD-Parteivorstand ein, thematisiert seine Rolle im Ersten Weltkrieg sowie in der Revolutionszeit und folgt ihm ins Amt des Reichspräsidenten der jungen Weimarer Republik.
Die Spielerinnen und Spieler sitzen an Eberts Schreibtisch und werden über Briefe mit Problemen, Ereignissen und Entwicklungen konfrontiert. Durch geschicktes Ausspielen der Briefe und die Verteilung der dadurch erhaltenen Einflussmarken gilt es, eine Reihe von Meilensteinen auf dem Weg zur Demokratie zu erreichen. Dabei muss die Spannung in den verschiedenen Interessengruppen im Blick behalten werden. Steigt die Spannung zu hoch, ist das Spiel verloren. 

Martin Thiele-Schwez, warum ist das Thema für Sie interessant?
Dieses Spiel hat für mich einen besonderen Stellenwert: weil ich es als einer der Game Designer mitentwickeln durfte, weil es mit dem Deutschen Computerspielpreis ausgezeichnet wurde und vor allem aber, weil es auf eindrückliche Weise zeigt, wie nah uns Geschichte kommen kann.
In »Friedrich Ebert – Der Weg zur Demokratie« begegnen wir dem Leben und Wirken des ersten Reichspräsidenten. Dabei wird sichtbar, dass die junge deutsche Demokratie vor rund 100 Jahren Angriffen, Krisen und Verunsicherungen ausgesetzt war, die uns heute erschreckend vertraut vorkommen.
Das Spiel macht erfahrbar, dass Demokratie nicht einfach stabil ist, nur weil sie existiert. Sie ist verletzlich. Sie kann unter Druck geraten und kann gar zerbrechen. Sie braucht Menschen, die für sie eintreten, sie verteidigen und im Zweifel um sie streiten. Damals wie heute.

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