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Geschäftsbericht

2023 – Das Jahr des Eisvogels

Gibt es bei uns ein neues Tier neben den vielen Bürohunden und heimatlosen Katzen, für die einzelne Mitarbeitende sogar umziehen? Was ist die Geschichte hinter dem Eisvogel? Hat die Bundesakademie einen neuen Fachbereich Ornithologie?
Details werden wir nicht verraten. Jedoch hat der Eisvogel für uns als Team viel damit zu tun, nach Corona wieder eine neue Leichtigkeit und Vertrauen zurückzugewinnen – in der Programmplanung, im Umgang miteinander, mit unseren Teilnehmenden, Dozierenden, Kooperationspartner_innen, Förderinnen und Förderern. Die Pandemie, die uns gelähmt hat und viele Selbstverständlichkeiten ins Wanken gebracht hat, ist endgültig überstanden, aber die Zukunft sieht nicht gerade rosig aus: leere Kassen für Bildung und Kultur, Krieg in und außerhalb Europas, antidemokratische Tendenzen, wo man nur hinschaut, verrohender, undifferenzierter Diskurs. Aber als Akademie versuchen wir, eine Widerständigkeit zu entwickeln und trotz allem mutig und entschlossen in die Zukunft zu blicken und auch so zu handeln – davon erzählt dieser Jahresbericht. Der Eisvogel, über den wir intern schon viel gelacht haben, ist ein gutes Symbol dafür: Er ist ein kleines, buntes und recht schillerndes Tier, das selten vorkommt, aber standorttreu ist. Durch seine Technik des konzentrierten Deep Dive, des Stoßtauchens, fängt er blitzschnell seine Beute und kann auch Feinden trickreich entkommen. Der Eisvogel ist durch unser menschliches Handeln gefährdet, aber in Wolfenbüttel nahe der Mühle wurde er schon mehrfach gesichtet.

Seminar- und Tagungsangebot – an 2019 anknüpfen unter veränderten Bedingungen

Es ist im Jahr 2023 gelungen, wieder mehr Menschen dazu zu bewegen, für ein Fort- oder Weiterbildungsangebot nach Wolfenbüttel zu kommen. Wie man an den Zahlen deutlich sieht, ist die Akademie insgesamt noch nicht wieder auf dem Niveau der Besucher_innenzahlen von 2019 angekommen, aber auf einem guten Weg, dort wieder stabil und dauerhaft anzuknüpfen. Auch hat sich gezeigt, dass digitale Veranstaltungen weniger nachgefragt sind als noch während der Pandemiezeit oder kurz danach. Unsere Gäste haben Lust, wieder Angebote vor Ort zu besuchen und ihr Netzwerk zu erweitern. Die Befürchtung, dass Berufstätige zukünftig nur noch an Online-Fortbildungen interessiert seien, hat sich nicht bewahrheitet. Eher ist es so, dass wir zwar punktuell, jedoch vor allem bei Themen den Programmbereich Kulturmanagement, Kulturpolitik und -wissenschaft (ku) betreffend, auch online arbeiten, aber sich die Künste vielfach eben doch nachdrücklicher in Präsenz vermitteln lassen. So werden uns die Online-Angebote nicht mehr verlassen, weil sie Möglichkeiten bieten, leichter internationale Dozierende einzubinden und Menschen auf die Akademie aufmerksam zu machen, sich aber eher auf einem niedrigen Niveau einpendeln. Insgesamt erleben wir, dass es teilweise schwerer wird, Menschen für unser Programm zu begeistern. Die Gründe sind sicherlich vielfältig und reichen von individuellen Finanzierungsproblemen über den Mangel an zeitlichen Ressourcen, einer allgemeinen Erschöpfung im Kulturbereich, anderweitigen regional verankerten, verbandlichen und projektbezogenen Weiterbildungsangeboten bis hin zu konkreten Gründen für Kursausfälle wie der Änderung des Anmeldeverhaltens der Teilnehmenden. Dieses wird immer kurzfristiger, was zeitweise dazu führt, dass Kurse drei bis vier Wochen vor Beginn aufgrund des Mangels an Teilnehmenden abgesagt werden müssen, zum Kursstart dann aber so viele Buchungen aufweisen, dass sie durchgeführt hätten werden können. Die Werbemaßnahmen für Angebote müssen also insgesamt erhöht werden, um in der allgemeinen Aufmerksamkeitsökonomie nicht unterzugehen. Die Beziehungsarbeit zu unseren Teilnehmenden muss weiter intensiviert werden, um als Haus ein Ort zu sein und zu bleiben, der für Teilnehmende einen vertrauten Reflexionsrahmen bietet, an den sie in ihrem Berufsleben immer wieder zurückkehren können.

Gastbelegung – nicht nur ein Lückenfüller

Satzungsgemäß ist die sogenannte Gastbelegung, die Vermietung unserer Räumlichkeiten bevorzugt an kulturnahe Partner_innen, ein Lückenfüller neben dem eigenen Programm. Dieser »Lückenfüller« ist aber längst viel mehr als das. Zum einen helfen uns die Gastbelegung und ökonomisch attraktive Kooperationen bei gleichbleibender institutioneller Förderung, den Status quo an Personal, Ausstattung und Qualität zu halten; zum anderen liegen in diesen Vermietungen und Kooperationen das Potenzial, mit jeder Belegung neue Menschen auf die Akademie aufmerksam zu machen, die uns noch nicht kannten, aber genau unsere Zielgruppe darstellen. Die Gastbelegung ist also in zweierlei Hinsicht ein Gewinn, und wir sind froh, dass es im Jahr 2023 endlich gelungen ist, die Ausgestaltung und Weiterentwicklung auch personell gut aufzustellen und zu stabilisieren. Die neue Möblierung der Gästezimmer, die nach fast 35 Jahren überfällig war und 2023 erfolgen konnte, trägt dazu bei, unser Haus weiterhin auch für Vermietungen attraktiv zu halten. Trotz dieser positiven Entwicklungen wird es mit Blick auf die schlechte Lage öffentlicher Kulturförderung notwendig sein, die Gastbelegung weiterzuentwickeln und die Belegungskapazitäten des gesamten Hauses so gut es geht auszulasten. Derzeit betragen die Übernachtungen, die dem Bereich der Gastbelegung zugerechnet werden können, circa ein Fünftel aller Übernachtungen der Kursteilnehmenden.

Projekte – bedeutsame Themen im Scheinwerferlicht

Die Arbeit in über mehrere Jahre angelegten Projekten, meist mit Bundesförderung, folgt einer anderen Logik als das übrige Weiterbildungsgeschäft. Zwar dienen auch diese Projekte in erster Linie der Fort- und Weiterbildung von Multiplikator_innen, beinhalten darüber hinaus aber Entwicklungsthemen, die in die Programmbereiche ausstrahlen. So konnte im Jahr 2023 das Programm »Witra KuBi – Wissenstransfer in der Kulturellen Bildung«, das zusammen mit der IU Internationale Hochschule durchgeführt wurde, zu Ende gebracht werden. Entstanden ist neben neuen Erkenntnissen über den Wissenstransfer und unterschiedliche Wissenslogiken zwischen Praxis und Wissenschaft auch eine Publikation, der ein neues Paradigma über die Zusammenarbeit von unterschiedlichen Partner_innen in den Feldern der Kulturellen Bildung zugrunde liegt. Sie ist Open Access unter dem Titel »Raus aus dem Haus – Wissenstransfer in der Kulturellen Bildung« zu lesen. Andere Projekte wie die »SIN-Beratung« (Start in die Nachhaltigkeit für Kulturinstitutionen, gefördert durch die BKM und in Zusammenarbeit mit dem Aktionsnetzwerk Nachhaltigkeit, jetzt auch Anlaufstelle Green Culture des Bundes), die »K²-Beratung« zur Förderung von kulturellen Bildungsnetzwerken in Kommunen und »KuBiDemo« (Kulturelle Bildung als Praxis der Demokratiebildung), beide BMBF-gefördert, haben 2023 Fahrt aufgenommen und beleuchten aktuelle Themen wie die ökologische Nachhaltigkeit oder Demokratiebildung. Hinzugekommen ist die bewährte »Vor-Ort-Beratung« von BKM-geförderten Einrichtungen nun auch für das Themenfeld Inklusion und Barrierefreiheit. Ein bundesgefördertes Programm, das sehr gut zu den Schwerpunktsetzungen des Hauses passt.

Seit 2022 befinden wir uns in einer Gemeinwohlökonomiebilanzierung (GWÖ-Prozess), die ausgerichtet ist an den Werten Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit und Transparenz/Mitbestimmung. Im Jahr 2023 haben wir intensiv an unserem ersten GWÖ-Bericht gearbeitet, der 2024 geprüft und woran anschließend die Bundesakademie als GWÖ-Unternehmen zertifiziert werden wird. Diese Zertifizierung ist nicht nur eine schöne Plakette, sondern bringt unser Selbstverständnis und unsere Arbeitsweise als Institution, Bildungshaus und Arbeitgeber auf den Punkt. Angesichts der gesellschaftlichen Spannungen und des Auseinanderdriftens an Lebens- und Arbeitsmodellen werden wir in den nächsten Jahren auch durch die GWÖ unsere Haltung schärfen und transparenter machen können.

Kooperationspartner_innen – immer wichtiger

2023 hat wieder eine große Anzahl an Veranstaltungen mit bundesweiten Kooperationspartner_innen wie Hochschulen, Stiftungen, Verbänden, Netzwerken oder anderen Kultur- und Bildungsinstitutionen stattgefunden. Besonders hervorzuheben ist die Kooperation mit dem Niedersächsischen Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung, in der wir mit anderen Partner_innen durch die Qualifizierungen direkt das Lehramt Kunst befördern. Des Weiteren hat im Mai 2023 endlich die Tagung »Tabubruch?! Neue Prioritäten und Wege für eine transformative Kulturpolitik« zusammen mit der Kulturpolitischen Gesellschaft stattgefunden, die lange geplant war und Ausdruck unserer langjährigen guten Kooperation ist. Unzählige weitere Kooperationen könnten hier Erwähnung finden: Danke an alle, die uns ihr Vertrauen schenken, mit uns Ideen schmieden und diese umsetzen! Danke an unsere Förderinnen und Förderer, in erster Linie das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur, insbesondere das Referat 32!

Gerade angesichts der oben genannten Entwicklungen im Kulturbereich und im Fort- und Weiterbildungsmarkt wird es zukünftig noch wichtiger sein, bestehende Kooperationen zu pflegen und neue zu ermöglichen. Kooperationen jeglicher Art sind für die Bundesakademie nicht nur eine Möglichkeit der zusätzlichen Finanzierung von Angeboten und damit der Reduzierung von Teilnehmendenbeiträgen sowie der Erhöhung von Dozierendenhonoraren unter Beachtung von Mindesthonorargrenzen. Sie sind vor allem auch ein inhaltlicher Gewinn, denn in jeder Kooperation stecken neue Erkenntnisse über die Bedarfe und Bedürfnisse von Kulturschaffenden und Kulturvermittler_innen, die wir mit unserem Programm erreichen und in ihrer täglichen Arbeit so gut es geht unterstützen möchten.

Fazit

Zurück zum Eisvogel: Die hier angerissenen Entwicklungen stellen nur einen Bruchteil der Aktivitäten dar, die in und rund um die Bundesakademie im Jahr 2023 stattgefunden haben. Als Akademie sind wir nicht akut in unserem Fortbestand gefährdet, aber unsere Arbeitsbedingungen und unser Arbeitsumfeld werden herausfordernder. Wir versuchen, unserer Qualität treu, diesen Veränderungen mit buntem Flügelschlagen und mit gelegentlichen Stoßtauchern in neue Gewässer und komplexe Themen zu begegnen.